Vom hohen Norden in den einsamen Osten

Nachdem Emma den Schlangenangriff (obwohl das Ding sich wohl eher zur Wehr gesetzt hat) erstaunlich locker weggesteckt hat fuhren wir direkt nach Tallinn.

Die Küste im Norden haben wir uns gespart, da wir nun Küste genug hatten. Und das Wetter auch nicht gerade zu Strandspaziergängen einlud.  Tallinn ist wirklich eine Reise wert. Die Altstadt ist super restauriert und erinnert irgendwie an ein großes Lüneburg. Während unseres Besuches fand gerade eine Art Stadtfest  statt. Leider war es aber in Tallinn extrem windig und kalt. Da taten einem die auftretenden Bands schon fast leid. Das Wetter lud einfach nicht zum langen Verharren ein. Auch hier in Tallinn finden sich natürlich ebenso wie in Riga die im Schwung anzutreffenden Schiffsladungen voller Touristen, die sich offensichtlich auch bei Landgängen nicht voneinander trennen können. Das erschwert das Einfangen von schönen Fotomotiven sehr. Aber am Nachmittag und Abend zeigt sich Tallinn dann wieder ganz entspannt. Es ist schon erstaunlich, wie Wohnmobilfahrer es konspirativ schaffen aus einem normalen Parkplatz quasi einen Wohnmobilstellplatz zu machen. Da ist die Stadt aber auch sehr kulant und bietet einen direkt an der Altstadt und am Fährhafen gelegenen Großparkplatz zu 6 Euro für 24 Stunden an. Das spricht sich natürlich rum und schwupps stehen sie alle schön in einer Reihe. Warum man auch selber  immer den Zwang verspürt sich in die Reihe einzuordnen weiß ich nicht. Das ist offensichtlich auch nicht nur „deutsch“, sondern trifft alle Nationalitäten.

Und was konnte ich endlich noch fotografieren in Tallinn??? Na? Das Familienwappen der Familie von Hoyningen gen. Huene. Jaha. Und nicht irgendwo. Nein, im Dom!!. Dort hängen zahlreiche Wappen der estnischen Adelsfamilien. Man durfte da nicht fotografieren. Aber Hallo, wir werden doch wohl Fotos unseres eigenen Wappens machen dürfen. Das fand ich wirklich beeindruckend.

Und dann ging es auf in den wilden Osten. Hier gibt es in Estland vor allem den großen Peipussee und Tartu und in Lettland und Litauen  jede Menge Seen, Flüsse und Nationalparks zu bewundern. Und selbstverständlich nicht zu vergessen Vilnius.

 

Touristen findet man hier nur sehr vereinzelt. Aber es hätte bestimmt Potential. Also fangen wir mal an. Der Peipussee oder auch heute Peipsi Järv hat uns echt überrascht. Wer erwartet denn an einem See Dünen und Sandstrand. Hätte das Ding Wellen würde man sich wirklich am Meer wähnen. Und da war nix los. Das Wetter super, aber gähnende Leere. Wir fragen uns immer noch, wann denn nun die Saison da endlich losgeht. Wie fast überall im Baltikum auch hier wieder toll angelegte „Zeltplätze“ mit kleinen Sitzpavillons und sogar Grillstellen direkt hinter dem See. Ideal für ein Wochenende mit der Familie oder Freunden. Gesehen haben wir aber lediglich zwei Grüppchen. 

Und dann folgte auch schon Tartu, was wir sehr unspektakulär und die Altstadt winzig klein fanden. Imposant sind die Universitätsgebäude, die sich in der Altstadt verteilen und der halb restaurierte alte Dom. Im wiederaufgebauten Teil befindet sich ein Museum. Das restliche Kirchenschiff hingegen erlaubt den freien Blick in den Himmel.

Nach Stadtgang folgt dann wieder Spaziergang. Diesmal an der Elva entlang mit ausgesprochen deutschfreundlichem Pilzbewuchs an den Bäumen.

Der Weg war kurz, also die nächste Wanderung im Nationalpark Suur Taevaskoja. Suur Taevaskoja soll ein alter Kultplatz sein. Steil aufragende rote Felsen zwingen hier den Fluss Ahja in Schleifen. Trotz mäßigem Wetter eine traumhafte Tour. Wir sind nicht einem Menschen begegnet. Das eine der Fotos demonstriert einmal ganz prima die Massen an Blaubeerbüschen, die hier im Baltikum wachsen. Überall in den Wäldern gibt es ganze Blaubeerteppiche. Ungefähr Mitte Juli sollen die reif sein. Wer die wohl alle pflückt?

Dann folge bei schönstem Wetter mit dem Lubans See der größte See Lettlands.

Auf dem Weg dorthin fanden wir übrigens das wohl einzige Wohnmobil Verbotsschild des gesamten Baltikums

Sehr, sehr merkwürdig. Der Ort nicht etwa ein Hotspot, sondern ein 10000 Einwohnerkaff namens Alüksne im Nirgendwo, aber schön dicht an der russischen Grenze. Eigentlich würde man denken, dass die doch um jeden Touristen froh sein müssten, der sich da mal hin verirrt.

An dieser Stelle passt ein kurzer Einschub zu den „Nichtbürgern“. Ich zitiere aus Wikipedia:

„Nichtbürger (lettisch nepilsoņi, russisch неграждане) sind nach lettischen Recht „Menschen mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht in Lettland, die weder die lettische noch eine andere Staatsbürgerschaft besitzen“. Nichtbürger gelten in Lettland nicht als Staatenlose (lettisch bezvalstnieki). In Lettland leben etwa 247.000 Nichtbürger (Stand Juli 2016), das sind knapp 12 % (11,57 %) aller Einwohner. Fast alle von ihnen sind russischsprachige frühere Sowjetbürger.“

Diese Nichtbürger gibt es auch in Estland. Sowohl die Esten, als auch die Letten nehmen eine Einbürgerung nur vor, wenn insbesondere der Sprachtest bewältigt wird. Gerade im Osten leben ungemein viele ausschließlich russischsprachige Menschen, deren Vorfahren ja quasi als Austausch für die weggeschaffte Intelligenz und die Widerständler aus Estland und Lettland, als Fabrikarbeiter nach dem zweiten Weltkrieg aus Russland „einrückten“. Angesichts der gefühlten politischen Bedrohung durch Russland versuchten sowohl die Esten, als auch die Letten, den russischstämmigen Einwohnern keinen Zugang zur Regierung zu verschaffen. Der Nichtbürger hat insbesondere kein aktives oder passives Wahlrecht. Es herrscht hier immer noch die Angst (natürlich befeuert durch die Ukraine), dass sich der doch recht hohe russischstämmige Bevölkerungsanteil von Putin instrumentalisieren lässt. Ganz von der Hand zu weisen ist dies wohl nicht. Dieses Problem in der Integration belasten die beiden Staaten sehr. Es wird derzeit versucht auch an rein russischsprachigen Schulen ein Anteil von 60 % der jeweiligen Landessprache estnisch oder lettisch per Gesetz durchzusetzen. Manchen der „Nichtbürger“ scheint der schöne graue Ausweis aber ganz gut zu behagen. Können sie mit diesem doch sowohl fröhlich durch Europa reisen, aber genauso ohne Visum auch nach Russland.

Wir hatten vor der Reise ehrlich gesagt noch nie etwas von dem Begriff „Nichtbürger“ gehört. Aber „Reisen bildet“!!

 

Den nächsten Stopp legten wir ein an einem Aussichtsturm, der einen spektakulären Rundblick versprach – und hielt. Immerhin auf dem 289 m und damit höchstem Berg Lettlands. Darauf dann noch einmal das 34 m hohe Holzgerüst. Wenn man da wieder runter kommt darf man sich wirklich als „schwindelfrei“ bezeichnen. Soviel Natur haben wir selten gesehen. Überflüssig zu erwähnen, dass wir auch hier wieder völlig „unter uns“ waren.

Wir fuhren weiter gen Süden an die Daugava, die sich vor Daugavpils in 8 großen Bögen windet, dem einzigen naturbelassenen Teil des Flusses. Hier steht der Fluss daher unter Naturschutz. Von unserem Übernachtungsplatz am Fluss führte ein Fußweg nach Slutiski, einem Dorf mit ehemalig ausschließlich von russischen Altgläubigen bewohnt. Noch immer stehen die mit Holzschnitzerei verzierten Holzhäuser in üppigen Gärten total idyllisch am Flussufer. Ach, und die Eiskeller! Martin will jetzt auch so ein Ding. Super, aus unserem Zwergengarten wird dann einfach insgesamt ein kleiner Berg. Ich finde da ja den Einkauf beim Supermarkt um die Ecke bequemer, als für den ganzen Winter Kartoffeln und Äpfel auf einen Schlag zu horten.

Und dann kamen wir schon in die Zielgerade. Vilnius. Martin murmelte immer so was wie, er habe ja gehört das sei nicht so lohnend. Von wem das denn??? Vilnius ist super. Eine sehr große Altstadt, schon vieles top restauriert, alles andere in Angriff genommen. Uns erschien Vilnius viel moderner als Riga oder Tallinn. Und hier gibt es auch nicht die Schiffsladungen voller Touristen, die alle gleichzeitig die Stadt besichtigen, also gleich „mehrere!!!“ Schiffsladungen auf einmal, wie in Riga oder Tallinn. Wir waren begeistert. Vom alten Burgberg hatte man einen guten Blick auf die Altstadt auf der einen und das moderne Vilnius auf der anderen Seite.

 

Und unmittelbar vor Vilnius liegt er dann, der Mittelpunkt Europas. Das „freut“ insbesondere den Golfclub von Vilnius. Denn genau hier latschen jetzt alle Touris durch, um sich fett auf den Mittelpunkt zu stellen. Wir natürlich auch, leider bei richtig fiesem Wetter. 

Dafür hatten wir aber am nächsten Tag in Vilinius tollen Sonnenschein und schöne warme Temperaturen.

So, und damit ist unsere Baltikumsfahrt zu Ende. Einmal rum und letztlich alles besucht. Wir meinen unsere Abfahrt schon am  1.5.  war goldrichtig. Auf der Rücktour kamen uns doch schon viele Wohnmobile entgegen. Da wird es jetzt wohl wesentlich voller sein, als im Mai/Anfang Juni. Das Baltikum lohnt sich auf jeden Fall. Jedenfalls für den, der jede Menge Natur mag und alte Hansestädte zu schätzen weiß. Wir hatten den gefühlt entspanntesten Wohnmobilurlaub überhaupt. Stellplätze? An super Plätzen? Gar kein Problem. Infrastruktur super. Überall Campingplätze ( oftmals kleine private) und Supermärkte. Die Litauer würden sich über unsere Lidlfilialen übrigens schlapp lachen. Filiälchen würden die das wohl nennen. Nach einem ersten gescheiterten Versuch ist Lidl nun wieder ganz neu in Litauen an den Start gegangen, mit Tempeln! Tolles gemischtes Sortiment aus Bekanntem und litauischen Dingen. Wir waren gerne dort.

Für uns war es natürlich darüber hinaus auch noch ein besonderes Eintauchen in die Familiengeschichte von Martins Ahnen. Ich habe sehr viel über die Geschichte des Baltikums von Martin auf dieser Fahrt gelernt. Die drei Länder sind spannend. Litauen hatten wir total unterschätzt. Das gefiel uns fast am besten der drei Länder. Aber letztlich haben alle drei etwas Besonderes und sind sehr verschieden. Untereinander verständigen können sie sich übrigens nicht. Die Sprachen sind total verschieden. Deshalb ist Estland letztlich auch immer das am wenigsten „sowjetische“ Land gewesen. Estnisch hat den gleichen finno-ugrischen Sprachstamm wie der Nachbar Finnland. Wie damals die Menschen in der DDR Westfernsehen sahen, sahen die Esten immer das finnische Programm.

Sehr, sehr interessante Länder……..

 

Wir sind nun wieder zu Hause und lassen alles noch einmal etwas nachwirken. Die nächste Reise kommt bestimmt.