Chillen und Hektik liegen eng beieinander

Das sollten wir schneller erfahren, als uns lieb war.

Wir steuerten nun die Rigaer Bucht entlang und stoppten natürlich in Jurmala, der „Badewanne“ von Riga. Es besteht letztlich aus mehreren Dörfern und zieht sich 30 km am Meer entlang. Das Zentrum Majori ist wunderhübsch und aufgrund der unmittelbaren Nähe zu Riga eine begehrte Wohnlage für reiche Städter. Der Strandsand ist wirklich unglaublich. Wie Puderzucker. Ich sehe aber die ganzen verzweifelten Kinder vor mir, die allesamt beim Burgen- und Sandtörtchenbau versagen.

Bevor wir Riga dann endgültig ansteuern wagen wir uns noch in ein riesiges Moorgebiet, welches über Holzstege durchwandert werden kann. Hm, das könnte man doch noch als innovative Idee vermarkten. Den ungeliebten Partner auf eine Reise nach Riga einladen, das nahegelegene Moor als Highlight anbieten und dann schwupps, ein kleiner Schubs und die Unterhaltsverpflichtung versinkt im Moorbad. 

Riga ist wirklich hübsch. Toll restauriert, aber mit – wie wir meinen- zu vielen Restaurants, die oftmals ihr Gestühl unschön hoch auf Podesten aufbauen und die Stadtsicht versperren.

Und dann folgte das unvermeidliche nächste Freilichtmuseum. Alle drei baltischen Länder warten mit einem solchen auf. Dieses hier in Lettland fanden wir überaus gelungen, da alle Gärten noch bewirtschaftet wurden und gesamte Hofanlagen aus dem 18. Jahrundert authentisch aufgebaut waren. Was die damals schon für Ideen hatten. Babywippen an einer Holzstange, Kisten aus Baumstämmen, merkwürdige Leitern und das allerbeste: die ersten Saunen! Echt. In einem Badehaus befindet sich ein Vorraum zum umziehen, dahinter dann der „Saunaraum“ mit Schwitzbänken und Holzzuber. 

Weiter ging es zum Nationalpark der Livländischen Aar, heute Gauja genannt. Hier kann man wandern, Kanu fahren und natürlich die Ordensburg Treiden ( heute Turaida), die hoch über einer Flussschleife  thront, besuchen.

 

Auf unserer tollen 10 km langen Wanderung kamen wir auch an einemArt Graffiti Felsen vorbei. Sehr, sehr erstaunlich. Kunstvolle Einritzungen, zum Teil über 100 Jahre alt.

Der nächste Übernachtungsplatz wartete mit Romantik pur auf. Für uns „altes“ Ehepaar ja fast schon eine Verschwendung. Und, der Lette kann fliegen!

Wir unternahmen dann einen Abstecher nach Alt Ottenhof. Das Landgut, welches vor der Vertreibung 1939 von Martins Eltern bewirtschaftet wurde. Seine beiden ältesten Geschwister wurden hier geboren. Es war ganz ganz bitter. Nix mehr da. Selbst die nur noch vorhandenen Fundamente total eingebrochen und überwuchert. Fotos habe ich davon nicht gemacht. Auch die neu gebauten Plattenbauten waren nicht fotogen. Martin hat sich aber einen schönen Ziegelstein des Hauses eingepackt.

Wir wollten dann weiter auf die Insel Ösel, heute Saaremaa. Die Spuren des Ur-Urgroßvaters suchen. Er besaß dort das Landgut Kadvel, heute Loona und ein Stadthaus in der Inselhauptstadt Ahrensburg, heute Kurressare.

Vom Festland setzt man aber zuerst über auf das winzige Inselchen Muhu, das mit Saaremaa über einen Deich verbunden ist. In Muhu erkämpfte Martin erst einmal das dort berühmte frisch gebackene Schwarzbrot und frisch geräucherten Fisch. Ganze Busladungen rangelten sich vor der winzigen Backstube, die nur durch eine Türklappe die schwarzen Objekte der Begierde verkaufte.

 

Nach dem Besuch eines wirklich pittoresken Fischerörtchens auf Muhu vernichteten wir dann erst einmal den Einkauf. Was weg muss, muss weg.

Am nächsten Tag war es dann am Vormittag furchtbar bedeckt und ein wenig regnerisch. Wir besuchten Kuressare. Hier hatten wir Glück. Es gab eine Art Stadtfest mit Flohmarkt, Verkaufsständen und einem riesigen Blumemarkt, wo man auch lecker Käse und Räucherware einheimsen konnte. Das alte Stadthaus des Ur-Urgroßvaters Eduard von Hoyningen-Huene wird heute als Hotel Grand Rose genutzt und liegt mitten in der Stadt.

Übernachtet wurde dann aber ganz einsam an der Südspitze der Insel.

Den nächsten Stopp legten wir im Landgut Kadvel ein. Auf dem Weg dorthin fielen uns die außergewöhnlichen Bushäuschen auf. Mit Gardinen? Da hieß es anhalten und reinschauen. Ganz offensichtlich muss man hier länger auf den Bus warten. Und dieser scheint auch tatsächlich  eine Weiterentwicklung der guten alten Postkutsche zu sein. Anders war uns nicht erklärlich warum sonst die ganzen Briefkästen der umliegenden Häuser in den Bushäusern montiert waren. 

Kadvel ist heute eine Gästehaus und beherbergt die Info für den Nationalpark Vilsandi.  Das Gutshaus wurde sehr schön restauriert. Hierfür stellte erst Martins Vater und dann später sein Bruder Peter Unterlagen zur Verfügung. Bilder und eine Erklärung Peters zu dem Werdegangs des Hauses sind auch im Hotelflur ausgestellt. Das Landgut des Ur-Urgroßvaters liegt inmitten herrlicher Natur. 

Schön, dass zumindest diese Häuser  auf Ösel ( Saaremaa) noch heute ein Funktion haben und gepflegt werden.

Tja, und dann fanden wir einen Traumplatz. Hier wollten wir endlich mal 2-3 Tage bleiben und nix als chillen. Pustekuchen. Haben am nächsten Mittag, nach einer ruhigen Nacht und Sonnenanbeterei am Vormittag sehr schnell auf Hektik umgeschaltet. Martin war mit Emma draußen. Diese lief schnuppernd durch die Wiese. Plötzlich ein Quieken, Emma sprang hoch, flüchtete zu Martin. Setze im Laufen Kot ab und wurde recht schnell etwas torkelig und apathisch. Wir hatten sofort den Verdacht, dass dies kein Insektenstich, sondern ein Schlangenbiss sein könnte. Innerhalb von 5 Minuten schmiss Martin alles in die Liesel, während ich im Internet panisch nach einem Tierarzt auf der dünn besiedelten Insel suchte. Es gab nur eine kleine Tierklinik in Kuressare von der wir nun auch noch weitmöglichst entfernt waren. Was für eine Horrorfahrt. Davon auch noch 10 km über Schotter. Martin holte alles aus der Liesel raus und brauste mit teilweise 80 km/h über die kurvigen Landstraßen. 45 Minuten vermeldete das Navi. Oh, Man, Emma wurde immer apathischer, ihre rechte Schnauzenseite schwoll immer mehr und mehr an und sie sabberte in Strömen. Ich befürchtete wirklich das Schlimmste. In Kuressare dann auch noch Straßenbauarbeiten und Umleitungen. Ich dirigierte Martin möglichst dicht an den Tierarzt ran, er nahm Emma auf den Arm und rannte los. Ich schloss Liesel ab und hinterher. Alles richtig gemacht. Emma benötigte dringend eine Infusion und Opiate zur Schmerzstillung. Der Kreislauf versagt oft nach Schlangenbissen und natürlich besteht die Gefahr der Schwellung der Atemwege. Sie weinte und jaulte ununterbrochen. Wir mussten sie erst einmal zwei Stunden zur Beobachtung dort lassen. Die Tierärztin erklärte, dass die ersten beiden Stunden die Schlimmsten seien. Wären die überstanden, dann wäre es geschafft. Emma sieht jetzt auf der rechten Seite aus wie ein Mastiff. So eine Schwellung hätte ich nicht für möglich gehalten. Unten am Hals eine hühnereigroße Lymphdrüsenschwellung. Arme Maus. Wir müssen wohl über eine Woche mit der Schwellung rechnen und sie darf in der Zeit nur eingeschränkt aktiv sein. Aber egal, Hauptsache sie hat es überlebt.

 

 

Und nun geht es wieder zurück auf das estnische Festland und damit langsam Richtung Tallin. Bis zum nächsten Mal!