Eingebrochen

wurde nicht bei uns, sondern wir haben es getan….

Die Reise ins Baltikum ist ja zum großen Teil auch eine Reise in die Vergangenheit von Martins Familie. Wir sind daher auch immer auf der Suche nach Spuren dieser  Zeit. Gefunden haben wir bisher Strutteln, den Gutshof, in dem Martins Mutter geboren wurde und bis zur Vertreibung, bedingt durch die russische Revolution, mit ihrer Familie gelebt hat. Hier sind wir eingebrochen, aber dazu später.

 

Auf dem Weg dorthin besuchten wir erst einmal den „ Berg der Kreuze“ in Litauen. Dieser Platz veränderte sich im Laufe seiner Geschichte von einem christlichen Andachtsort zu einem Symbol der Auflehnung gegen die Unterdrückung. Das Aufstellen der Kreuze begann im 19. Jahrhundert während der Aufstände gegen die russischen Besatzer, als Andenken an gefallene Angehörige. Als nach Stalins Tod 1953 viele Litauer aus den Gulags, den Lagern in Sibirien zurückkamen, stellten viele von ihnen für dort verstorbene Kameraden ebenfalls Kreuze auf. Der Berg wuchs und war den kommunistischen Besatzern ein immer größerer Dorn im Auge. Im April 1961 rückte der erste Bulldozer an. Schon in der darauffolgenden Nacht standen aber wieder die ersten neuen Kreuze. 1973,74 und 75 wiederholte sich die Zerstörung, aber zwecklos! Der Berg der Kreuze wuchs und wuchs und wurde so endgültig zum Symbol des Widerstandes gegen die sowjetischen Besatzer. Heute ist er ein heiliger Ort für Katholiken aus aller Welt. Selbst der Papst war schon da. Heute werden die Kreuze aus allerlei Gründen aufgestellt, Geburten, Hochzeiten, Segenswünschen, Todesfälle….. Der Berg wächst und wächst.

und wer heutzutage sein Kreuz vergisst, kann noch mal schnell eins am Kiosk kaufen.

Aber es war schon wirklich beindruckend.

Unser nächstes Ziel, jetzt bereits auf lettischem Boden, war das Schloss Rundale. Ein gewaltiges, imposantes Gebäude mitten in der Pampa. Es wurde 1736 bis 1740 im Auftrag der russischen Zarin Anna Iwanowna als Sommerresidenz für den Herzog  Ernst Johann Biron erbaut.

Tja, er konnte es leider nur drei Jahre nutzen, da er nach dem Tod der Zarin sein Quartier in Sibirien nehmen musste. Erst mit der Machtübernahme der Zarin Katharina II. konnte Biron nach Kurland zurückkehren. Es ging durch mehrere Hände und wurde, bereits im ersten Weltkrieg schwer beschädigt, 1920 enteignet und ging in den Besitz des lettischen Staates über.

1972 wurde das Schlossmuseum Rundale gegründet und mit umfangreichen Restaurierungen begonnen.

 

Und diese sind wirklich enorm geglückt. Wir haben ja alle schon mehrfach alte Schlösser bewundert. Aber die hier zugänglichen 44 Zimmer und Säle suchen schon ihres gleichen. Was für eine Pracht. Und so ein Büro hätte ich auch gern….

Und dann haben wir Strutteln gesucht. Das Geburtshaus von Martins Mutter. Es ist schwer zu beschreiben, aber es war sehr berührend. Martin war vorher noch nie hier. Auch seine Mutter selbst hat das Gutshaus lediglich Anfang der 90iger Jahre nur schnell von außen betrachten können, da es zu dieser Zeit wohl noch als Schule fungierte. Wir waren auf der Anfahrt schon sehr gespannt, was uns erwartet. Und dann stoppten wir zuerst bei der alten Gutskirche, die tatsächlich renoviert wird. Diese Renovierung der völlig verwahrlosten Kirche hatte noch Martins Mutter selbst in Gang gesetzt. Natürlich sah sie nun nicht „schön“ aus, aber sie wird es wohl wieder einmal werden. Auf dem Kirchhof fanden wir dann noch einen ganz verwitterten Grabstein der Familie. Er ließ sich jedoch schwer entziffern.

Dann die Zufahrt auf das Gutsgebäude, Martin neben mir merklich angespannt. Wie sieht es wohl aus das Anwesen, in dem seine Mutter die Kindheit verbrachte und sie sicherlich prägte?

Ein riesiges Haus mit Mittelteil und zwei Seitenflügeln umgeben von einem großen parkartigen Gelände mit Blick auf einen kleinen See. Alles dem Verfall preisgegeben!! Erst wegnehmen obwohl es mehrere hundert Jahre im Familienbesitz war und dann verfallen lassen, was für ein Wahnsinn.

Es stand leer. Es war schönstes Sommerwetter. Es war berührend, ein Schritt in die Vergangenheit. Unwillkürlich stellten wir uns das Leben hier vor 100 Jahren vor. Eine Familie mit sechs Kindern, den Arbeitern, dem gepflegten Garten, Lachen, Trubel. Und nun. Stille. Verfall. Wir wollten da unbedingt rein. Alles zu, fest verschlossen und verrammelt. Ich fand ein Kellerfenster, das wir öffnen konnten. Sollen wir tatsächlich? Klar, als so einen richtigen Hausfriedensbruch konnten wir das irgendwie nicht fühlen. Gehörte ja schließlich mal der Familie!

Aufregend. Im Gewölbekeller fanden wir die Tür zum Flur, die Martin dann allerdings doch auftreten musste. Wir liefen durch das gesamte Haus. Vom zentralen Bereich, sicherlich als Wohnzimmer genutzt mit drei Flügeltüren zur Terrasse und mit Blick über den Park gingen rechts und links die Flügel mit diversen Zimmern ab. Von ganz rechts, konnte man durch den zentralen Flur bis zum anderen Ende des linken Flügels gucken. Wahnsinnig groß. Mehrere hundert qm.

 

Die Fotos können den Gesamteindruck nur unzureichend widerspiegeln. Ich habe natürlich für Martin und seine Geschwister noch jede Menge mehr Fotos gemacht, um das Andenken in allen Facetten im Bild festzuhalten. Was nun wohl mit dem Gutshaus in Zukunft passiert? Bedauerlicherweise wird es wohl einfach verfallen.

Wir fuhren weiter und ich merkte richtig, wie es in Martin nachwirkte. Wie er wohl darüber nachsann, wie sein Leben geworden wäre, wenn es weder die russische Revolution, noch den zweiten Weltkrieg mit dem Hitler/Stalin Pakt gegeben hätte. Aber wie Andreas schon richtig sagte, ohne den Gang der Geschichte hätten Martin und ich uns wohl nie kennengelernt und er würde weiterhin gelangweilte die Arbeiter beaufsichtigen und ich immer noch in Schlesien die Kartoffeln aus dem Acker pulen.

 

Am Vorabend unseres 15. Hochzeitstages ( kann doch unmöglich schon 15 Jahre her sein), fanden wir dann ganz exklusiv für uns allein ein riesiges Picknickgelände an einem Fluss in traumhafter Natur. So ist es recht. Um die Zuverlässigkeit der Partnerschaft zu testen, begaben wir uns auch sofort auf die Partnerübungseinrichtungen, die wohl extra für uns aufgebaut waren. Ging. Also stand dem 15. Jahrestag nichts mehr im Weg.

Das Gelände lag mitten im Wald, direkt an einem Fluss, der in einigem Abstand eine riesige Ansammlung von Biberburgen beherbergt. Geradezu Großsiedlungen. Da sollte es am nächsten Abend zur Beobachtung hingehen. Aber da regnete es so ganz unangenehm. Also machte sich nur Martin, eingehüllt in Regensachen, auf den Weg und kam total beglückt wieder. Er habe sie beobachten können, ein ganz süßes Biberpärchen – und präsentierte mir die Fotos. Nun, ja, was soll ich sagen, die Burganlage kann man ja noch gut erkennen. Aber den Biber? Aber ich will mal die Schuld auf die Lichtverhältnisse und die kleine Kamera schieben.

Weiter ging es nach Kuldiga oder früher Goldingen. Hier stammt Pietz ( Martins Bruder) seine Schwiegermutter her. Grammatik wird ja total überschätzt.

 

Eine kleine verträumte Stadt, gelegen an dem Fluss Venta. Hier wurde die gesamte Bausubstanz der Altstadt erhalten. Lückenlos. Ein Teil davon ist bereits perfekt restauriert, aber gerade das Nebeneinander von alter Substanz und renovierten Gebäuden ist sehr spannend. Wirklich eine Stadt mit Potential für viel Tourismus.

Bei den Brötchen handelt es sich übrigens um die baltisch typischen "Kümmelkuckel".

 

Und wieder wartete ein unglaublicher Stellplatz auf uns direkt an der baltischen See (Ostsee) im Winzdorf Ziemupe ( nördlich von Liepaja, Martin sagt hartnäckig immer nur die alten deutschen Namen, hier Liebau).

 

Schönstes Sommerwetter, ein Himmel so blau wie ich ihn noch nie gesehen habe und Weite, Weite, Weite. Ich bin eine Stunde am menschenleeren Strand in eine Richtung gelaufen und wäre wohl auch in den nächsten Stunden keiner Menschenseele begegnet. Das muss man einfach selber mal gesehen haben. Feinster weißer Sand, perfekter Strand und kein Mensch da. Nix. Auch kein Gebäude, kein Restaurant, rein gar nichts.

Allerdings muss man für sowas auch eine Anfahrt über hubbelige Schotterpiste von 9 km in Kauf nehmen. Hier in Lettland sind übrigens ausnahmslos alle Straßen die von den Hauptstraßen abzweigen nicht asphaltiert. Aber da sind wir ja alte Hasen. 25 -30 Stundenkilometer sind ja so entspannend. Wir können allerdings auch auf den Hauptstraßen oft nicht schneller fahren. Asphalt ist eben doch nicht Asphalt.

Unser dann bisher letztes Ziel war das Kap Kolka. Ich zitiere aus unserem Womo Führer:

„ Der wilde Strand von Kolkasrags. Hier treffen die Strömungen der Rigaer Bucht auf die baltische See und fressen langsam aber stetig das Land, so dass auf der Ostseite des Kaps den Bäumen buchstäblich der Boden unter den Wurzeln entschwindet… Baden ist im Bereich der Landspitze verboten, die Strömung zwischen den Meeren ist unberechenbar“.

 

Wir erwarteten also eine raue See. Und was fanden wir? Das hier:

Also, lebensgefährlich sah das für uns nun nicht aus.

Vielleicht hatten wir auch einen ganz außerordentlich ruhigen sonnigen Tag erwischt. Alle guckten irgendwie etwas verwirrt umher und schlappten dann durch das badewannenwarme kniehohe Wasser.

 

Aber einer gefiel es ganz außerordentlich. Unserer Emma. Wie entfesselt pflügte und planschte sie durch das für sie nur brusthohe warme Wasser. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen

Auch Mutti ging mit rein, musste dann aber wieder ihres Amtes walten und erzieherisch tätig werden.

Wir sind immer noch begeistert vom Baltikum. Ein wahres Paradies für Wohnmobilfahrer, die keine Angst haben, allein in der Natur zu stehen. Hier baumelt die Seele einfach so, ohne besonderes Zutun. Sie kann gar nicht anders.