Den alten Balten zieht es in den Osten

Das hört sich nicht mehr nach Griechenland an. Stimmt. 

Wir sind nach einem kurzen Zwischenstopp im Heimathafen wieder aufgebrochen. Diesmal soll es das Baltikum sein. Da kommt nämlich Martins Familie „von weg“. Die erste Herausforderung war die Planung der Anreise. Wieso das denn? Zack, einfach quer durch Polen und schon ist man doch da. Tja, ja, mit einem normalen PKW ganz sicherlich, aber wir haben das Dickschiff Liesel und die wiederum nur Euro 2. Das ergab nach meiner Recherche die fetteste Maut, von der wir je gehört haben. Sage und schreibe 0,40 pro Kilometer Autobahn gibt die Infoseite zum Viatoll zum Besten. Und da wir über 3,5 t wiegen dürfen wir auch auf fast allen Landstraßen blechen, dann aber „nur“ 0,32 pro Kilometer. Also wären das rund 300,00 Euro, die wir im schönen Polenland zum Fenster hinaus geworfen hätten, nur um einmal auf dem schnellsten Wege durchzufahren. Nix da. Ich fand im Internet einen Straßenplan, wo alle mautpflichtigen Straßen verzeichnet waren. Wir glichen mit der Straßenkarte ab und legten uns eine Route ohne jegliche Mautstraße zurecht. Und es ging. Sogar tadellos. War bestimmt auch viel interessanter, als die Strecken, die jeder fährt. Wunderschöne Buchenwälder und jede Menge Waldparkplätze zum Übernachten machten den etwas längeren Zeitaufwand wett. Und was mir erst hinterher aufgefallen war, das waren gar nicht 0,40 Euro, sondern Zlotty!!!!! Also wären in Wahrheit nur ca. ¼ der von mir gedachten Mautkosten angefallen. Tja, lesen sollte man können. Auf dem Rückweg könnten wir also durchaus Autobahn fahren.

 

Bei einer unserer Übernachtungen an einem See in Polen dachten wir zuerst an irgendeine militärische Übung, als lauter Männer mit Tarnanzügen aus ihren Fahrzeugen stiegen. In den Kampf zogen sie jedoch statt mit Gewehren mit Angeln. Die Fische hier müssen ja eine ganz merkwürdige Spezies sein, wenn die Kerle sich wie zum Nahkampf rüsten.

Aber offensichtlich sind diese Tarnanzüge die normale Angelbekleidung. Warum? Keine Ahnung.

 

Wir passierten die Grenze zu Litauen im Länderdreieck mit Polen und Weißrussland. Unmittelbar danach sichteten wir auch schon die für Litauen so typischen Holzhäuser, die teilweise in einem wirklich grottigen Zustand sind, aber gerade in ländlichen, ärmeren Gegenden noch wie vor hundert Jahren bewohnt werden. Teilweise ohne Strom und fließend Wasser.

Unser erstes Ziel war Grutas Park. In einem Wald verteilt stehen die Statuen verschiedener Sowjetgrößen, die 1990 beim Erlangen der Unabhängigkeit auf allen Plätzen des Landes umgehend demontiert wurden. Auch kommunistische Politiker litauischer Herkunft sind vertreten. Das Gelände ist mit einem Sperrzaun mit Wachposten umgeben, um die Atmosphäre eines Gulags zu vermitteln, in welchen viele Litauer nach 1945 den Tod fanden. Der Gründer möchte den Park als Mahnmal gegen den Kommunismus verstanden wissen. Er soll auch jungen Litauern zeigen, wie die Welt ihrer Eltern vor kaum 30 Jahren aussah. Da aber im Park auch Tiergehege und Spielplätze für die kleinen Besucher vorhanden sind, die dem ganzen auch den Anstrich eines Vergnügungsparkes geben, löst der Park auch kontroverse Diskussionen aus. Wir fanden es beeindruckend, auch wenn wir uns mit mancher der Statuen eher einen Scherz erlaubt haben. Was für ein Personenkult wurde da bloß betrieben. Bei den Statuen waren stets Fotografien ihrer ehemaligen „Stellplätze“ aufgestellt. Das waren wirklich Massen. Hier eine winzige Auswahl:

Auch hier in Litauen gibt es übrigens an jeder Ecke Waldparkplätze mit Grillhütten und „Rustikaltoiletten“

Nächster Stop war dann ein Skulpturenpark südlich von Druskininkai, das phantasievolle Reich des Holzschnitzers Antanas Cesnulis. Was für tolle und witzige Ideen dieser Künstler umgesetzt hat. Echt ganz, ganz bemerkenswert und absolut lohnend.

Schon jetzt waren wir von der Natur Litauens und der vielen unberührten und einsamen Gegend begeistert. Aber wirklich richtig schön war es rund um Merkine, am Rande des Dzukija Nationalparkes. Ausgedehnte Nadelwälder und Seen bestimmen das Landschaftsbild. Merkine liegt hier am Rand direkt am Fluss Nemunas. Aufwarten kann das verschlafene Städchen mit einem gigantischen neuen Aussichtsturm, einem ehemaligen Burgberg, ganz viel Natur und unserem bisher besten Stehplatz direkt am Fluss Nemunas ( Memel).

 

Ich schwöre, der Aussichtsturm schwankte:

Wir fanden hier einen tollen Stellplatz am Fluss und unternehmen mit Emma superschöne Spaziergänge. Martin gelang es sogar einen Kuckuck in ein Gespräch zu verwickeln, so dass ich ihn sogar vor die Kamera bekam. Ich finde ja der sieht aus wie eine Taube mit Ringeln.

Am nächsten Tag fing es an zu regnen, wir entschieden uns zur Weiterfahrt mit einem Stopp am Freilichtmuseum Rumiskes. 150 Gebäude und zahllose Gegenstände zur Innenausstattung wurden dafür in ganz Litauen zusammengetragen und wieder aufgebaut, sogar der Nachbau einer authentischen kleinen Stadt aus dem 19. Jahrhundert. Die Gebäude des Parks sind bis zu 300 Jahre alt. Der gesamte Rundgang zieht sich über 6 Kilometer in herrlicher, naturbelassener Umgebung. Super das.

Nach einer schönen Nacht auf einem weiteren Parkplatz direkt am See ging es auf zu einem Besuch nach Kaunas. Hier ist eigentlich nur die Altstadt sehenswert, die aber dafür richtig hübsch ist. Mit jeder Menge Cafes, Restaurants und kleinen Läden. In der Neustadt stehen dann leider oft noch die kommunistischen Plattenbauten.

Nächster Stop war dann der Regionalpark Rambynas.  Rambynas ist ein grüner Hügel am Flussufer des Nemunas, der den Litauern als heiliger Ort gilt. Auf der Bergkuppe lag ein Opferstein, der 1811 zerstört wurde und heute durch eine moderne Steinskulptur mit Opferschale aus Metall ersetzt ist. Obwohl 80% der Litauer der römisch-katholischen Kirche angehören wird hier oben noch gerne die Sommersonnenwende gefeiert. Und nicht nur das, wie wie am nächsten Morgen feststellen durften. Der Berg ist auch ein grandioser Aussichtsplatz. Der Blick reicht über den Fluss nach Kaliningrad, die Grenze verläuft in der Mitte des Nemunas. 

Wir hatten eine wunderbare ruhige Nacht auf dem kleinen Waldparkplatz unmittelbar vor dem Hügel. Am nächsten Morgen war es dann  mit der Ruhe schlagartig vorbei. Zuerst einmal konnte ich nicht mehr aus dem Heki gucken. Sag mal Martin, das ist doch wohl kein Schnee???? Dooooch!!! War Schnee. Und kalt, kalt war es auch. 

Plötzlich kam so ein kleiner Schulbus daher und kippte 4 Jungen aus, die sich wohl im Bus irgendwie ungebührlich benommen hatten. Die lungerten nun erst einmal wie Patex um unsere Liesel rum.

 

Und dann kam der nächste Bus und das passierte dann genau vor unserem Küchenfenster:

Oha, ich dachte Litauen sei nun auch nicht mehr kommunistisch. Was machen die denn hier mit Ihren Jugendlichen? Was ist das denn für ein Mist. Es kam dann ein Bus nach dem anderen und parkte uns vollends zu. Heraus quollen Massen an Kindern in Trachten und wer weiß noch was. Ebenso Erwachsene in Uniformen. Und dann dämmerte es uns. 9.Mai !!!! Ups, Befreiung von den Nazis und alle Kinder stellten das nach. Und wir hier mit dem fetten Aufkleber Germany/ Alemania mittendrin in den Feierlichkeiten. Wir zogen uns dann doch lieber diskret zurück und suchten die naheliegende Storchenkolonie von Bitenai.

 

Rund 23 Storchenester sind dort in den „Baumwipfeln“ nahe des Örtchens in einem Wald versteckt. Das ist deshalb so außergewöhnlich, weil Störche eigentlich nicht in Bäumen nisten und schon gar keine Kolonien bilden. Das ist wirklich beeindruckend, aber nur schwer aufs Bild zu bannen.

Immer dem Nemunas folgend sind wir jetzt an der Ostsee unterhalb Klaipedas angekommen. Hier noch ein paar Fotos von der Fahrt und der Natur:

Wir sind nach wie vor begeistert. Was für eine Fülle an Natur. Ein Paradies für Wohnmobilfahrer und Emma stellt wahrscheinlich nach der Reise einen Umzugsantrag. Für sie ist das hier wie ein Abenteuerspielplatz.

 

Unser bisheriger Höhepunkt ist jedoch die Kurische Nehrung, die sich uns bei strahlendem Sonnenschein präsentierte. Hier bleiben wir vier Tage. Einen Tag freistehend direkt hinter dem grandiosen Ostseestrand im Norden:

Dann drei Tage auf einem Campingplatz in Nida ( im südlichen Bereich des litauischen Teils der Nehrung).

Auf der Fahrt vom Norden nach Nida stoppten wir an einem Parkplatz der im Reiseführer schlicht „Pfad von Naglia, auf einer nicht mehr wandernden Düne“, beschrieben war. Hm, was das wohl ist. Bombastisch ist das. Vor allem früh am Morgen, wenn noch kein anderer da ist. Eine mehrere hundert Meter breite Dünenwelt, an die 60 Meter hoch. Mit einem gigantischen Blick über den Küstenwald auf die Ostsee zur einen Seite und über das Haff auf der anderen Seite. Und absolute Stille.

 

Diese Dünenlandschaft hat zwischen dem 16. Und 19. Jahrhundert allerdings mehrere kleine Dörfer unter sich begraben.

Auf ging es zum Campingplatz und von dort zu Fuß in das kleine Örtchen Nida. Die alten Holzhäuser, der Hafen und die wohl größte und bekannteste Düne, die Parnidder Düne, direkt daneben sind schon wirklich sehenswert.

Und auch die Parnidder Düne mit der Sonnenuhr auf der Spitze musste natürlich als Fotomodell herhalten. Von hier aus kann man direkt nach Kaliningrad gucken. Die Grenze verläuft direkt über die hinteren Dünen nur einige wenige Kilometer entfernt von Nida.

Unser Fazit: die kurische Nehrung ist was wirklich Besonderes.

 

Bis zum nächsten Mal!

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