Zwischenbilanz

Wir sind nun fast 6 Monate unterwegs, Zeit für ein erstes Resümee.

Wir erreichten nach San Pedro wieder die Küste. Die Fahrt über die Ruta 24 war das hässlichste, was wir je gesehen hatten. Nur platte Sandwüste durchzogen von Überlandleitungen. Unzumutbar das!

Und dann stoppte es auch noch vor uns in einer Baustelle.  Nichts ging mehr. Was ist denn los? Ach, so, nein claro, dann warten wir eben bis zur Öffnung um 18.00.  Das sollten die mal bei uns machen. Einfach eine Straße für mehrere Stunden sperren. Was sind wir da immer froh, ein rollendes Heim dabei zu haben.

 

Auch die Anfahrt an der Küste entlang Richtung Iquique, unserem Ziel, war irgendwie anders, als nach der Karte vermutet. Wir dachten an eine schöne Küstenstraße. War auch an der Küste, aber fürs Auge irgendwie weniger schön. Die Cordilleren ziehen sich bis direkt an den Pazifik heran. Wirklich direkt. Immer wieder rutschen Teile der gerölligen Berge auf die Straße. 

Iquique hingegen hat uns gefallen. Mitten aus dem Nichts plötzlich eine recht große Stadt mit herrlichem Strand. Wir standen direkt am selbigen auf einem 24 Stunden bewachten Parkplatz des Casinos. Es sind Ferien hier in Südamerika und gefühlt alle hier in Iquique am Strand. Schirm an Schirm und wir mittendrin. Zum Lesen kam man gar nicht, weil so viel zu gucken war. Wir haben übrigens auch noch nie so viele Strandverkäufer gesehen, nicht mal in Thailand. Alle 2 Minuten schrie irgendjemand irgendwas anderes und hielt was zu Essen oder Trinken bereit. Fladen, Sandwiches, Krapfen, Eis, Gebäck, sogar hartgekochte Eier!

 

Wir haben uns natürlich auch die Stadt selbst angeschaut, die noch einen sehr hübschen alten Teil besitz aus der Kolonialzeit. Salpeter hat auch hierher früher  viel Geld gebracht.  Mittags haben wir uns bei den Einheimischen eingeschlichen und jeweils das Menu del Dia genossen. Deftige Hausfrauenküche. Sehr lecker,  insbesondere für meine Erkältung ( wohl etwas gefroren bei den Geysiren), die heiße Cazuela de Vacuna ( Rindfleischsuppe) vorweg.

Wir verließen Iquique nach 2 Tagen. Länger haben wir es schlaflos nicht ertragen. Die Nähe zum Casino war sicher, aber lärmtechnisch der Höhepunkt unserer Reise. Im Casino gab es offensichtlich auch Auftritte von „Gesangstars“. Oh, man. Den Vogel schoss in der zweiten Nacht ein „laut jammernder“ Gesangsbarde mit Klampfe ab, der ausschließlich Publikum über 70 Jahre verzückte. Laut verunstaltete er alle klassischen Lieder von früher, z.B. auch von den Beatles. Wir verbrachten die Nacht damit herauszuhören, was er da jetzt wohl gerade für einen Originalsong zur Unkenntlichkeit herausjammerte. Gegen 6 Uhr morgens war der schöne Gesang dann endlich vorbei  und es strömten  die glücklichen Besucher aus dem Casino. Selbstverständlich nicht, ohne sich laut und lärmend die nächste Stunde auf dem Parkplatz zu unterhalten. Wir machten uns todmüde auf den Weg nach Arica, der nördlichsten Stadt Chiles. Beim Herausfahren oberhalb der Stadt sah man sehr schön, wie die umliegenden Berge die Stadt einkreisen. Offensichtlich auch eine riesige Düne, die von unglaublich vielen Gleitschirmfliegern genutzt wird ( s.o.)

Auf dem Weg lag die alte, aufgegebene Salpeterstadt „ Humberstone“. Einst sprühte diese 1872 gegründete Bergbausiedlung vor Energie. In den 1940er Jahren erreichte sie wohl ihren Höhepunkt. Die künstlich errichtete Stadt verfügte nicht nur über ein Krankenhaus, eine Markthalle, Kirche, Schule und Sportplätze, sondern sogar über ein großes Theater, in dem sogar internationale Stars und Sternchen aufgetreten sein sollen. 1942 wurden in der Schule 245 Jungen und 211 Mädchen unterrichtet.

1960 erzwang die Entwicklung synthetischer Nitrate die Schließung der Mine und damit zur Aufgabe des Ortes. Mitten in der Wüste gab es keinerlei Lebensgrundlage mehr für den Ort. Bereits 1970 wurde der Ort zum historischen Monument erklärt, fiel aber dem Vandalismus komplett zum Opfer. 2002 wurde sie von einer gemeinnützigen Gesellschaft aufgekauft und nach und nach restauriert. 2005 wurde Humberstone zum Unesco-Welterbe erklärt. Die Lebensbedingungen dort sind wirklich sehr beeindruckend dargestellt. Die einfachen Häuser, als Kettenbungalowas völlig gleichartig gestaltet. Ein Wohnraum, zwei Schlafzimmer, winziges Bad und Küche. Anbau aus Blech zum Kochen und als „Gartenumrandung“ für Kleintiere.  Man konnte sich das Leben dort, auch auf der Plaza, der Markthalle und im Theater richtig hautnah vorstellen.

Viele sagen, es spucke hier in dieser Geisterstadt.

 

 

Das ist der Gigante de Atacama, die weltweite größte Abbildung eines Menschen, gewaltige 86 Meter hoch. Auch dieser lag auf unserem Weg. Man weiß nur wenig über ihn. Es wird angenommen, das der Geoglyph einen mächtigen Schamanen darstellt, entstanden etwa um 900 n.C.

Arica gefiel uns ganz und gar überhaupt nicht. Dreckig und hoffentlich nicht bereits ein Vorgeschmack auf das, was nun vor uns liegt. Arica gehörte bis zum Salpeterkrieg 1879 zu Peru. Wir haben uns nun entschieden nicht nach Bolivien zu reisen. Dies aus mehreren Gründen. Unser Aufenthalt dort wäre ohnehin nur kurz gewesen. In Bolivien herrscht jedoch jetzt Regenzeit, der sogenannte bolivianische Winter, das kann zu schwierigen Straßenverhältnissen führen. Auch ist die Höhenlage von immer rund 4000 Metern eben so wenig zu unterschätzen, wie die sehr schwierige Verkehrssituation in der Millionenmetropole La Paz, durch die wir hindurch müssten. Den Titicacasee können wir uns auch von Peru aus angucken. Der größte Teil liegt ohnehin auf deren Gebiet.

Wir werden also morgen direkt nach Peru fahren.

 

Fast ein Viertel unserer Reisezeit ist nun schon vorbei. Annährend 6 Monate mit dem Wohnmobil unterwegs. Die „sicheren“ Länder, Uruguay, Südbrasilien, Argentinien und Chile durchreist. Es war sicherlich keine Urlaubsfahrt, wie man sie sonst für 3 Wochen mit einem Wohnmobil unternimmt. Die vergangenen Monate und die „ Anpassung“ an dieses Wanderleben auf engsten Raum, verlangten uns einiges ab, die schlechten und schwierigen Wegstrecken auch der Liesel. Wir haben uns Fahrten getraut, die wir vorab in der groben Planung als „zu schwierig“ verworfen hatten.  Hierauf sind wir stolz und haben viele besondere Dinge sehen und erleben  können.

Immer wieder faszinierten uns die persönlichen Begegnungen mit den Menschen hier. Wir haben gerade dadurch ausnahmslos alle Länder als freundlich, hilfsbereit und zugewandt in Erinnerung.

Der andere Lebenstil im Hinblick auf die Lautstärke , die Umweltverschmutzung durch rumliegenden Müll und die langsame Gangart  war bisher unsere größte Herausforderung. Aber auch das können wir mittlerweile ertragen, so z.B. das unglaublich lange Warten an wirklich jeder Supermarktasse.

Auf einer solchen Reise lernt man auch noch einmal ganz anders seine heimatliche, gewohnte Umgebung schätzen. Unwillkürlich fanden wir alles das besonders schön, was irgendwie an zu Hause erinnert und sei es beim Einkaufen ein Schwarzbrot oder Haribo.

Eine Reise in all diese Länder können wir guten Gewissens empfehlen. Wir fragten uns immer wieder nach einem Ranking oder stellten uns die Frage, wo wir leben könnten.

Vor unserer Reise hatten wir hier an Uruguay gedacht, da hier ja so unendlich viele Europäer leben sollen. Wir verstehen das im Vergleich der von uns nun bereisten Länder weniger. Uruguay gefiel uns richtig gut nur an der nördlichen Küste. Letztlich war für uns Uruguay erstaunlicherweise das Land mit dem größten Müllproblem, was uns auch in Montevideo von unserem Vermieter dort bestätigt wurde. Der Unterschied zwischen arm im Landesinneren und extrem reich in den Nobelorten wie Punta del Este erschien uns enorm. Auch die Lebenshaltungskosten sind mindestens so hoch, wie bei uns.

Gewinner in unserem Ranking ist mit deutlichem Vorsprung der Süden/Mitte Chiles. Nur hier könnten wir uns ein Leben vorstellen. Nicht umsonst hat hier wohl der größte Teil der deutschen Auswanderer ihre Heimat gefunden.

Überhaupt hat uns Chile am meisten überrascht. Es war eigentlich das Land, das in der Vorbereitung so „unter ferner liefen“ behandelt wurde. Irgendwie hatten wir hier nur den ganz südlichen Bereich mit dem Torres del Paine auf dem Programm. Alles andere entwickelte sich dann erst auf der Reise. Ein ganz großer Vorteil, wenn man völlig zeitunabhängig reisen kann und spontane Änderungen möglich sind.

Letztlich reisen wir nun so, wie man wohl reisen soll. Der Weg ist das Ziel. Es war ja unmöglich im Vorherrein die ganze Reise und alle Sehenswürdigkeiten zu planen. Das gelang nur für die Anfangszeit. Spätestens ab Chile fanden tägliche Lagebesprechungen unter Zuhilfenahme der Reiseführer statt. Wohin, was lohnt, was ist machbar, was kann verworfen werden.

So werden wir uns nun auch weiter nach Norden vorarbeiten. Wir werden ab jetzt wohl noch etwas vorsichtiger sein müssen. Dies betrifft auch den Verzehr von frischem Obst und Gemüse, das ab sofort von uns nach dem Einkauf desinfiziert werden muss. Hierzu gibt es in jeder Obst-/Gemüseabteilung in den Supermärkten spezielle Mittel, das erste haben wir nun in Arica gekauft.

 

 

Den nächsten Bericht wird es dann also aus Peru geben. Bis dahin an alle liebe Grüße von den Wanderfalten.

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Kommentare: 1
  • #1

    Britta (Dienstag, 26 Januar 2016 22:18)

    Hallo Ihr Beiden,
    schon ein halbes Jahr, ging echt schnell und dann seid Ihr ja fast schon wieder da. Habe gerade die Sicherheitshinweise des AA gelesen, ab jetzt also Obacht nicht nur beim Obst. Besondere Warnung vor der Teilnahme an Schamanenritualen lt AA, damit Ihr nicht nackig und irre im peruanischen Dschungel landet.
    Ich bin schon sehr gespannt auf Bilder aus Peru, habt viel Spaß und gute, sichere Fahrt. LG Britta