Hoch, höher, am höchsten

Böse Liesels kommen in den Autohimmel, Gute kommen überall hin, auch über den Paso Agua Negro.

 

Wir hatten ja nun gedacht unsere Tour von Chile Chico entlang des Lago Carrera sei aufregend gewesen. Aber das hier. Mein Libber, das war wirklich spannend. Wie jede Zollstation ist auch die vor dem Paso Agua Negro nur zwischen 8:00 morgens und 22:00 Abends geöffnet. Der argentinische Zoll befindet sich vor der Anfahrt auf den Pass, der chilenische hinter dem Pass in 174 km Entfernung. Die Grenze aber liegt oben auf dem höchsten Punkt der Passüberquerung bei 4.766 Metern.

Wir haben uns gedacht, dass wir am besten gleich morgens um 8:00 starten, damit wir ausreichend Zeit haben, die Liesel und uns da hinauf zu jagen. Frisch geduscht, deutsch pünktlich Anfahrt auf den Zoll. Bitte ?? Was machen denn hier 40 Autos vor uns? Und dann zügig mindestens 100 hinter uns. Die Erklärung folgte auf dem Fuße. Der größte Pass zwischen den beiden Ländern zwischen Santiago de Chile und Mendoza war gesperrt. Wegen Steinschlags. Siehst Du Andrea, sag ich doch, das ist doch megagefährlich hier. Die kennen doch gar keine Sicherungen an den bröckelnden Wänden. Ja, Liebster, gerne höre ich mir das nun zum tausendsten Mal an. Man muss wissen, dass Martin das quasi hinter jeder, wirklich jeder Kurve wieder zum Besten gibt. Ob er da irgendeine Paranoia hat? Ja,klar ist das irgendwie merkwürdig, wenn dicke Felsbrocken neben der Straße liegen und sichtbar Aufschlaglöcher derselben mühsam im Asphalt geflickt sind. Aber nützt ja nichts. Ich vertraue einfach darauf, dass es nicht gerade über uns abbricht. Was soll man auch sonst machen.

Zurück zur Autoschlange. Ich weiß nicht, wie der Zoll das macht, aber für die Abfertigung von 40 Autos benötigen sie 2 Stunden. Dann waren wir dran. Alle immer herzlich wie immer. Ich schlage meine Mappe auf, um die temporäre Einfuhrgenehmigung herauszuholen und dem netten Beamten zu überreichen. Ähem. Wer  ist Jose Daniel Figueroa ? Und wieso sind wir plötzlich 3 Passagiere mit einem Auto der Marke Kia?? Der Blitz der Erkenntnis durchzuckt mich. Verdammt, die haben uns an der Grenze nach Mendoza die Einfuhrgenehmigung von jemand anderem in die Hand gedrückt. Los Martin, Du bist jetzt Jose Figueroa und Liesel ein Kia. Aber so einfach ist das natürlich nicht, weil auch immer die Fahrzeugpapiere geprüft werden. Also freundlich gelächelt und das Unmögliche erklärt. Der Beamte kann sich ein Lachen kaum verkneifen und versucht eine Lösung zu konstruieren. Offensichtlich fakt er nun selber im PC nachträglich eine auf uns lautende Einfuhrgenehmigung, die Martin einmal unterschreibt und er dann gleich einbehält, weil wir ja nun ausreisen. Geht doch. Immer spontan, die Südamerikaner, was nicht passt, wird passend gemacht.

Und dann begann unsere Überlegung. Normalerweise ist kaum einmal ein Auto über diesen Pass unterwegs, so dass man auf den überaus engen Straßen oben am Pass (werdet Ihr gleich auf den Bildern sehen) unbelastet vor sich hin tuckern kann. Und nu? Drängelnde 4X4 hinter uns, soll man trotzdem? Erst mal los. Zu Beginn war die Straße sogar nagelneu geteert und wunderbar breit. Mensch, toll, dann ist das doch ganz easy. Also, los. Dass so eine Autobahn natürlich nicht in Tausenden von Metern Höhe so bleibt, hätte man sich ja eigentlich denken können, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Was soll ich sagen. Diese Passüberquerung war grandios. Nicht nur wegen der wahnsinnigen Farben der Berge und der irren Schneefelder (sie heißen Büßerfelder), sondern auch und besonders wegen der Höhe und der „Straße“. Ich habe versucht in einigen Bildern den Straßenverlauf darzustellen, auf einem der Bilder seht Ihr einen roten Jeep. Für Wohnmobile ist dieser Pass ganz offensichtlich nicht gedacht. Die Straße quasi in den Berg reingehauen und nur eine schmale Spur für alle, also auch den Gegenverkehr. Immer mal eine kleinste Verbreiterung, um irgendwo aneinander vorbeizukommen. Ich ziehe immer noch den Hut vor Martins Fahrkünsten und seiner Beherztheit. Glaubt mir, an vielen Stellen, wäre ich als Fahrer weinend aus der Liesel gekrochen und hätte mich heulend auf den Boden geworfen, um nicht mehr weiter fahren zu müssen.

Auch diese Büßerfelder ragten so manches Mal noch unangenehm weit in die Straße rein.  Ein wenig bang fragten wir uns bei steigender Höhe auch gegenseitig immer wieder: wie geht’s Dir denn? Merkst Du was? Kopfschmerzen, oder so ? Aber nein, das war weder bei Martin, noch bei mir der Fall. Nur die Tetrapacks blähten sich in der Höhe unendlich auf. Gleichwohl heißt das leider noch nicht, dass wir wirklich höhentauglich sind. Das stellt sich immer erst heraus, wenn man auch in der Höhe übernachtet. An einem Tag rauf und runter, soll eigentlich bei fast allen gehen.

Auch die Liesel hat es super gewuppt. Ohne zu mucken, ist sie rauf auf die 4.766 Meter. Nur wenn wir mal anhalten mussten und wieder anfuhren, hat sie hinten raus eine riesige Wolke Ruß ausgespuckt. Durch den geringeren Sauerstoffgehalt, verbrannte der Motor anders. Deshalb können keine Autos mit Rußpartikelfiltern in diesen Höhen fahren. Wir haben uns also genau für das richtige Fahrzeug entschieden. Hier gibt es keine Euronorm. Daher haben auch fast alle Autos hiergrundsätzlich  keinen Rußpartikelfilter.

 

Hier nun die Bilder. Es fiel mir diesmal unendlich schwer, eine Auswahl zu treffen, es war so unglaublich viel zu fotografieren. Es fängt an mit der argentinischen Seite, dann folgt die Grenze und danach die chilenische Seite.

Nach dem Pass folgt dann in Chile das Elqui Tal. Hier kommt der Pisco, das chilenische Nationalgetränk her. Eine Art Tresterschnaps, der mit Zitronensaft und Zucker als Aperitif aus Sektgläsern getrunken wird.  Hier wachsen also wieder Weintrauben über Weintrauben in einem langen schmalen Tal. Hat uns jetzt nicht so die Füße weggehauen. Hier war aber erst einmal eine Wäsche für die Liesel dran. Unsere Passbezwingerin war so unendlich schmutzig. Wir gönnten ihr daher eine schöne liebevolle Handwäsche. Haben sich ins Zeug gelegt die Jungs, das muss man sagen.

Wir wollten wieder an die Küste. In Höhe von La Serena  fanden wir einen vielversprechenden Campingplatz, der sich auch –zuerst- als super Wahl darstellte.

Wenn da nicht diese Feierhorden eingefallen wären, die die ganze Nacht bis 8:00 morgens wummernde Musik anhatten und lustig grölten. Ja, Mia, is wahr, Deine Mutter hat noch nicht so den richtigen Zugang zu diesem Aspekt des südamerikanischen Miteinander.

Aber auch Martin hat so seine ganz eigene Erfahrung gemacht. Ich sag gleich vorweg: ich habe damit gar nichts zu tun! Wir saßen hübsch beim Abendbrot am Strand. Der Campingplatz ist durch einen Zaun abgesperrt. Ich musste noch etwas holen und ging zur Liesel. In dieser zeigt meinte nun ein junger Mann genau gegenüber von Martin, mit dem Gesicht zu ihm, „sein Wasser abschlagen“ zu müssen ( kann die sich gewählt ausdrücken, die Andrea).

Nun ,ja, in Ermangelung spanischer Sprachkenntnisse, griff Martin zur international verständlichen Zeichensprache und zeigte die von ihm geschätzte Größe des männlichen Geschlechtsteils und der dazugehörigen Größe der Hirnmasse des jungen Mannesmittels Zeigefinger und Daumen an. Die von Martin geschätzte Größe entsprach aber offensichtlich nicht der Selbsteinschätzung des jungen Mannes. Der drehte danach wohl völlig auf. Laut schreiend und mit einer Holzlatte bewaffnet enterte der den Campingplatz und rannte auf Martin zu. Dieser, ganz Pädagoge, guckte dem jungen Mann freundlich entgegen und zug höflich seinen Hut vor ihm. Das war für den Deppen offenbar zu viel. Damit konnte er nun gar nicht umgehen. Er zog schimpfend ab. Martin war allerdings schon etwas emotional angefasst, als ich wiederkam und er mir die Story erzählte. Keine 20 Minuten später kam der Idiot, nun mit moralischer Unterstützung eines Freundes, noch einmal wieder und beide bauten sich wieder demonstrativ in unserer Richtung auf und pinkelten.  Wir haben sie schlicht ausgelacht und ich sie höflich gefragt, wie alt sie seien? Daraufhin drehten sich beide muksch um und ließen sich auf dem Strand nieder.

Wir hatten fertig gegessen und gingen zurück. Auf dem Weg kamen uns aufgeregt die Campingplatzbesitzer entgegen. Offensichtlich wurde ihnen von anderen Leuten von dem Lattenangriff berichtet. Wir bejahten, dass es die Jungs dort hinten seien. In diesem Moment steht der Dämlack auf und pisst ganz selbstvergessen schon wieder an den Zaun (der Arme hat offenbar  bereits jetzt schon ein Leiden). Das war zu viel für die Campingplatzbesitzer. Sie riefen prompt die Polizei und die haben die Knaben doch tatsächlich eingesackt und mitgenommen. Wir hatten noch kurz überlegt, ob wir uns nun an die Straße stellen und den beiden Blödgesichtern huldvoll zum Abschied in den Knastwagen zuwinken sollten. Das hat man davon, wenn man sich mit standfesten Deutschen anlegt. Zack, ab in den Bau.

Wir packten also die Liesel und suchten uns einen anderen Campinplatz.

 

Einfacher, aber mit einer „ Zona Descansa“  (Ruhezone!!!!!!), die wir sofort in unser Herz schlossen. Das ist was für uns. Auch direkt am Strand, fussnah zur kleinen Stadt, in der es jede Menge frisch gefangenen Fisch von den Fischerbooten zu kaufen gab und vor allem Joggerfreundlich. 14 km Bucht mit schönem harten Strandstreifen bei Ebbe. Hier werden wir bis zum 6.1. bleiben.

Recht lustig funktioniert hier das warme Duschen. Im Preis inbegriffen sind nur kalte Duschen. Für warme Duschen muss man 700 Pesos zahlen ( 774 Pesos sind ein Euro). Den Bon gibt man einer Dame an den Duschkabinen. Auf meinen erstaunten Blick auf die Dusche ohne Armaturen, erklärte sie mir, dass ich „rufen“ sollte, soweit ich duschbereit sei. Sie stelle dann von außen das Wasser an. Aha. Ok. Na, dann. Gesagt, getan und gerufen und schwupp kam ordentlich schönes heißes Wasser. Das ist ja auch mal ein originelles Konzept.

Am 6.1. werden wir dann die Küste entlang gen Norden fahren und dann noch einmal ins Landesinnere nach San Pedro de Atacama fahren. Hier wollen wir dann den Salar de Atacama besuchen, bevor wir dann zurück an der Küste über die nördlichste Stadt Chile verlassen werden.

Argentinien haben wir nun also bereits dauerhaft hinter uns gelassen. Ein Land mit super netten Bewohnern, aber sichtbar schlechterer Struktur als Chile. Das Angebot dort an Waren ist wesentlich schlechter, ob die neue Regierung den Importstopp ausländischer Ware wieder aufhebt bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall erscheint uns Argentinien derzeit als superteuer. Der inoffizielle Dollarkurs und der offizielle Kurs haben sich nach dem Regierungswechsel nun innerhalb einiger Woche nahezu angenähert! Waren es vorher 9,3 Pesos pro Dollar offiziell und 16 Pesos inoffiziell (Dollar blue), ist der Stand derzeit: 13 Pesos pro Dollar offiziell und  14 inoffiziell. Damit sind die Preise auf einen Schlag in die Höhe geschnellt und der Genuss des inoffiziellen Tausches ist weg.

 

Es ist dem Land zu wünschen, dass es sich wieder stabilisiert und auch die drängenden Fragen der Zuwanderung aus Peru und Bolivien klärt. Es gibt schon jetzt in Argentinien ungemein viele Armenviertel, deren Lebenszustände als grausig bezeichnet werden müssen. Der Unterschied zwischen arm und reich ist immens. 

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