Wer wagt gewinnt

Auszug aus dem Lonely Planet Reiseführer Chile: „ Eines der Highlights der Region ist die Fahrt über den Paso Las Llaves. Westlich von Chile Chico führt die mit Haarnadelkurven gespickte Straße direkt auf die Carretera Austral. Furchteinflößend und atemberaubend zugleich sind ihre tückischen, unübersichtlichen Kurven und das steile Gefälle hoch über dem See auf losem Schotter mit Schleudergefahr und ohne Leitplanken. Hier muss man sehr langsam fahren und höllisch aufpassen. An manchen Stellen reicht die Straßenbreite gerade mal für ein Auto“.

Ob das wohl klappt? Mit unserer dicken Liesel? Sollen wir da über die Anden und dann auch noch auf die berüchtigte Carretera Austral?

Also ein entschiedenes „Ja“ war aus meinem Munde nicht so recht zu entnehmen. Ich hatte richtig Schiss. Das mag ja alles „atemberaubend“ sein. Aber will ich mir das antun?

Das stand dann nämlich im Führer noch zur Carretera selbst geschrieben:

„….Fernstraße ist allerdings eine glorifizierende Bezeichnung für eine abenteuerliche Strecke, die teilweise nur aus gewaltigen Spurrillen und Schlaglöchern besteht. Streckenweise handelt es sich um eine Art Niemandsland ohne Tankstellen, Raststätten und Schildern. Wer nicht sorgfältig plant und extrem vorsichtig fährt, hat hier schlechte Karten….“

Super. Genau das, was man so hören will.

Aber irgendwie hatten uns Thomas und Karin mit ihrem verliebten Gerede über das tolle Chile angefixt. Also Entscheidung „pro“ Carretera. Ich habe ernsthaft schlecht geschlafen in der Nacht davor und hatte richtig Bauchgrummeln, als wir in Chile Chico, dem Grenzort, nach Chile wechselten.

Dann gings los. Direkt hinter dem Ortsschild hörte auch schlagartig die Asphaltierung auf.

Das Wetter war eine Wucht. Zumindest das. Machte ich mir Mut. Kein Wind, nein, Sonne pur und strahlend blauer Himmel.

Es war wirklich „atemberaubend schön“. Ich will allerdings nicht verhehlen, dass mir an manchen Stellen doch etwas mulmig war. Leitplanken waren in der Tat bei dem „Bau“ dieser Straße  wohl nicht vorrätig gewesen. Ein Wahnsinn. Engste Straße, engste Kurven, mehrere hundert Meter steil abfallende Felswand und da dann „auf der Außenseite“ rum. Mit Liesel. An einer Stelle hat es offensichtlich ein Fahrzeug nicht geschafft. Da war sogar mal eine Leitplanke, die aber total zerstört war. Da ist jemand in den freien Fall übergegangen. Alptraum lass nach.

Wir waren nur froh, dass uns ausgesprochen wenig Fahrzeuge entgegen kamen und darunter kein LKW oder ähnliches war. Ausweichbuchten gab es schlicht nicht. Ich hätte auch einen Herzspitzschlag erlitten, wenn wir da mit der Liesel irgendwie rückwärts hätten fahren müssen.

Auf den Bildern könnt Ihr die „dünne Straße“ gut erkennen. An einer Stelle hat Martin mich aus dem Auto gescheucht und ist weiter gefahren, damit ich mal aus der Entfernung die Liesel auf der irren Straße fotografieren kann.

Insgesamt eine Strecke, die uns sicherlich immer im Gedächtnis bleiben wird.

Dann landeten wir auf der „Carretera Austral“, die sich 1.240 km auf vorwiegend noch unasphaltierten Straßen vorbeizieht an uralten Wäldern, Gletschern, türkiesblauen Flüssen und wilder Natur.

Wir sind davon eine Strecke von ca. 800 km gefahren. Davon inzwischen rund 150 km geteert oder auch mal ein Stück "gepflastert"!

Eine enorme Anstrengung für Martin als Fahrer und vor allem die Liesel. Inzwischen quietscht es bei uns überall. Zwischendurch sann ich darüber nach, ob es für uns wohl in das Guinessbuch der Rekorde reicht als "die langsamsten Fahrer auf der Carretera Austral". Aber anders geht es eben nicht.

Für das ewige Ripio, die fatalen Schlaglöcher, Spurrillen und vor allem den ewigen Schotter mit Millionen spitzere Steine ist eben kein Fahrzeug der Welt ausgelegt. Reifenplatzer sind an der Tagesordnung. Bei uns steckt jetzt einer extrem tief drin. Das müssen wir im Blick behalten. Aber es hat sich gelohnt. 

Wir waren mehrere Tage unterwegs. Die Natur ist unbeschreiblich. Von schroff, über lieblicher Postkartenidylle ist alles dabei. 

Besonders beeindruckt hat uns der „kalte Regenwald“ des Nationalparks Queulat. 70 km zieht sich die Carretera direkt durch dieses Schutzgebiet. Grün, eng unheimlich faszinierend. Der Tag war grau und regnerisch. Gerade deshalb wirkte aber die Vegetation auch so überwältigend. Gerade so, als ob die Straße jeden Moment von der Pflanzengewalt eingehüllt werden würde.

Wir hielten im Park an und machten uns auf den 3,3 km langen Weg, um einen Blick auf den Hängegletscher zu werfen. Der Weg war höllisch. Nicht weil er super steil war, nein, weil durch den Regen der Weg schlicht und einfach zu großen Teilen unter Wasser war. Lange Angelegenheit das. Und dann waren wir oben. Tja, äh, und wo isser? Keine Ahnung. Ich habe nur ein einziges Foto von so einem Art Schneeflatschen. Tja, Kinder, den darüber hängenden Gletscher mit den 9 Wasserfällen, die da heraus kommen, müsst ihr Euch nun bitte selbst vorstellen.

Link

So soll es wohl irgendwie aussehen.

Zu meiner Enttäuschung handelt es sich bei dem Riesenrahbarber leider nicht um Tonnen von Rohstoff für meine nächste Marmelade, sondern um das nicht essbare Mammutblatt. Auch der Farn hat hier einen etwas voluminöseren Umfang.

Und weiter ging die „wilde“ Fahrt. Bis zu einem Menschen mit einem „Pare“ ( Anhalten) Schild in der Hand. Er lächelt uns zwar freundlich zu, aber sagt nix. Geheimniskrämer der. Aber da naht wohl ein Vorgesetzter, der sich an die Touristen ran wagt. Tja, Sprengung in einer Baustelle auf der Straße vor uns. Das dauert aber nur 5 Stunden. Ach, so. Ja, nee. Klar, wenn dadurch die Straße mal schöner zu befahren sein wird. Dann drehen wir eben um, da war doch vor 2 km ein herrlicher Stellplatz zum Warten. Gesagt, getan, Liesel flugs gewendet, 1000 Meter zurück gefahren und dann „Pare“. Hä?? Hier auch? Soll das ein Witz sein.

Der Mann klärt mich auf, dass hier nun gerade ein Baum gefällt wird. Von der Sperrung weiter oben wisse er nichts. Es würde hier aber nur rund 45 Minuten dauern. O.K. sind wir eben als einzige zwischen den Sperrungen gefangen. Dann fotografiere ich eben mal den chilenischen Baumschnitt.

 

Ging wirklich fix. Da haben sich die Jungs richtig reingehängt.

Inzwischen war es aber so spät geworden, dass wir dann einfach auf dem Stellplatz am Fluss übernachtet haben.

Die gesamte Strecke haben wir natürlich immer frei gestanden. Wie wir finden hier in Chile und insbesondere auf der wenig befahrenen Carretera ein ungefährliches Unterfangen, zumal es Campingplätze auch gar nicht so recht gibt.

Auch auf der Carretera haben wir übrigens Radfahrer getroffen, die die gesamte Strecke radelnd hinter sich bringen. Was für ein Alptraum. Ich kann mir nicht helfen, aber so richtig glücksbeseelt sah auch keiner von denen aus. Beliebt ist diese Strecke ganz offensichtlich auch bei Motorradfahrern, die mal einzeln, aber auch in organisierten Gruppen vorbeiknattern.

Wunderhübsch auf der Tour fand ich auch den uns häufig begleitenden Ginster und die unglaublichen Felder wilder Lupinen. Da freut sich das Gärtnerherz. Ist allerdings auch etwas verstimmt, dass die eigenen Lupinen im Garten so mickrig sind im Verhältnis zu diesen Straßengewächsen.

Überhaupt kommt einem während der Fahrt alles mögliche vor die Kamera. Sei dies ein Auto, welches ein Dixiklo auf der Ladefläche hat ( vielleicht der eigenwillige Versuch eines Wohnmobils?), oder echt andere Pferdetransporter und natürlich jede Menge Tiere, die statt auf Weiden einfach so am Straßenrand rumstehen. Vor einem Versicherungsfall hat hier offensichtlich keiner Angst.

 

In Futaleufu, einem bekannten Raftinggebiet, ging es für uns dann wieder zurück über die Grenze nach Argentinien.

Hier erwartete uns dann der Sommer. Wir verbringen hier nun 4 Tage auf einem ganz besonderen Campingplatz. Sehr neu, alles liebevoll angelegt und aus hochwertigen Naturmaterialien hergestellt. Eine kleine Oase. Der Eigentümer hat nicht nur diesen Platz super gestaltet, sondern nun seit 4 Jahren auch einen Weinberg angelegt. Verkauft werden auch hausgemachte Produkte von seiner Mutter, die hier mit ihrem Mann ebenfalls auf dem Gelände wohnt. Wir haben nun einige Marmeladen mehr im Gepäck. Die Salami ist schon weggemampft. Bleibt noch der kleine Käselaib.

Wir trafen hier auf Claudia und Uwe, die schon seit mehreren Jahren mit ihrem Wohnmobil auf Reisen sind. Mit von der Partie ist seit einem Jahr ihre Mia, die sie in Uruguay als Welpen quasi adoptiert haben. Ich will auch wieder einen Hund!!!!! Es ist doch immer wieder schön neue gleichgesinnte Menschen zu treffen. Bei Claudia belegte ich dann den Kurs „ Campen leicht gemacht“. Ich kann jetzt:

Joghurt selbst herstellen, in einer Pfanne Brot backen ( Vollkorn) und durfte mir ihre lustige Reisewaschmaschine ausleihen. Nee, was es alles so zu wissen gibt. Man lernt nicht aus. Schon ganz erstaunlich, mit welchen tollen Sachen einen die „ Langzeiterfahrenen“ so überraschen.

Claudia und Uwe standen bereits vorher schon einmal auf diesem Platz und waren nun zum Pizzaessen in das Haus der Eltern geladen. Auf uns hat sich die Einladung dann erfreulicherweise erstreckt. Es war ein wirklich schöner Abend mit leckerster selbstgemachter Pizza, Wein und Gesprächen.


Wir werden nun am Mittwoch weiter fahren in Richtung Bariloche und das berühmte Seengebiet. Mal schauen, was uns dann dort erwartet.

Liebe Grüße von uns beiden.

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Kommentare: 2
  • #1

    S.Tomfort (Donnerstag, 03 Dezember 2015 15:16)

    Wow, wenn Ihr wieder da seid, müsst Ihr ein Buch schreiben!

  • #2

    Jogi R. (Donnerstag, 03 Dezember 2015 20:32)

    Unbekannterweise grüße ich Euch!
    Über den Blog von Lothar und Martina (Crossamerika's Blog) bin ich auf Euren hier gestoßen. Ich versuche, aus Berichten wie den Euren für unsere nächste Reisezeit zu lernen. Darum vielen Dank für die Mühe des Erstellens!
    Aber warum ich eigentlich schreibe: Witzig, wie klein doch auch Südamerika ist! Die Reisenden treffen sich untereinander immer wieder! Denn auch den Blog von Claudia und Uwe verfolge ich fast von Anfang an. Mit den beiden hatte ich vor ein paar Monaten einen kurzen E-Mail-Kontakt, um ein paar konkrete Informationen zu erhalten.
    Aber jetzt erst mal alles Gute für Eure weitere Tour! Und nicht von den rumpeligen Straßen nerven lassen! ;-)
    Jogi