Bis zum Ende der Welt

Unsere Fahrt ging nun von Rio Gallegos, der letzten Stadt vor Überfahrt über die  Magellanstraße, ganz hinunter in den Süden.

Unsere Fahrt durch die Pampa war lang und super windig. So windig, dass die Fahrt in Rio Gallegos bei Windstärke 8-10 erst einmal endete. Keine Chance auf Überquerung der Magellanstraße. Fähre eingestellt und ich ohnehin nicht gewillt, mich bei solchem Sturm auf irgendeinen Seelenverkäufer zu begeben.

Also verbrachten wir 3 Tage in Rio Gallegos. Martin war vorwiegend damit beschäftigt das Hinterteil der Liesel immer wieder umzusetzen, damit es im Wind steht. Ich hatte doch tatsächlich Angst, sie kippt um. Wir hatten dort nicht nur Sturm, sondern auch viel Sonne. Ganz merkwürdige Kombination. Aber die Einwohner nahmen es völlig gelassen, wenn Ihnen Pappteile oder Stücke aus den Dächern um die Ohren flogen. Da ich irgendwie das Gefühl hatte mal wieder sportlich sein zu müssen, schnürte ich eines morgens die Laufschuhe. Sah da weniger windig aus. Hinaus in die Kälte (ca. 10 Grad) und  sportlich an der Promenade losgerannt. Man, geht doch prima. Tja, wenn nicht der ernüchternde Rückweg gewesen wäre. Da lief ich eher wie eine träge Masse. Wenn man gebeugte Haltung beim Laufen, um überhaupt gegen den Gegenwind anzukommen, noch irgendwie als sportlich bezeichnen kann. Ok. Dann eben nur rumsitzen und faulenzen.

Rio Gallegos hat uns aber doch erstaunt. Es gab dort Wohngebiete, die für uns so gar nicht südamerikanisch wirkten. Super Häuser, alles sehr aufgeräumt. Bis zum Gartenzwerg!!!! Insgesamt erscheint Patagonien sehr sicher. Hier befinden sich auch nicht an jedem Fenster Gitter. Die Patagonier selber äußern sich auch immer sehr verschreckt, wenn es um die Sicherheit in der nördlichen Hälfte Ihres Landes geht. Und das gilt für sie insbesondere für Buenos Aires und Rosario. Mia, Rosario!!! (in einem quasi Vorort hat Mia ein Jahr gelebt). Da ist doch tatsächlich Felipe (Gastbruder) am hellichten Tage im Park unter Waffengewalt angehalten worden sich um seinen Rucksack zu erleichtern. Kind, dass Du mir da ja nicht noch mal hin fährst.

Hier einige Fotos von Rio Gallegos

Das schlimmste, das wirklich allerschlimmste, waren die „Vueltas“. Das kann man gar nicht beschreiben, dass muss man miterleben. So gegen 20.00 bis in die frühen Morgenstunden „flanieren“ Alt und Jung in ihren Autos über die Promenade. Mate fest unter dem Arm. Mit fortschreitender Nachtzeit kommen Jugendliche mit aufgesägtem Auspuff auf den Plan. In einer ungeheuren Lautstärke, geben sie dann ordentlich Gas und rasen immer hin und her oder stehen mit mehreren Autos und geöffneter Heckklappe mit Diskobeschallung nebeneinander. Da kommt Freude auf. Wie schon Thomas sagte „ Südamerika ist kein Land zum Schlafen“.

Ich beobachtete den Wetterbericht und die Windstärkenvoraussagen.  Und dann unsere Chance. Am 01.11. sollte vormittags weniger Wind sein. Und zack los um 7:00. Schnell auf dem Weg noch einmal die Laguna Azul besucht und dann nichts wie über die Grenze und unmittelbar danach zum Fähranleger. An der Grenze mussten wir uns vom eingeschweißten Schinken, der eingeschweißten Salami und Obst und Gemüse verabschieden. Geht nix rein nach Chile. Allerdings durften wir erstaunlicherweise die angebrochene Schinkenpackung behalten. Ich nehme an unser Schinken erfreute nun eine chilenische Zöllnerfamilie. Dies Lebensmittelkontrollen gibt’s hier wie gesagt überall, allerdings recht undurchsichtig, was nun weggenommen wird und was nicht. Ich nehme an es richtet sich nach dem Speiseplan des Zöllners.

Unglücklicherweise muss man ja zwei mal die chilenisch/argentinische Grenze überqueren, um in Ushuaia anzukommen. .

Auf der Strecke zur Fähre gibt Martin Gas und überholt unerschrocken Riesen LKWs. Das uns ja keiner den Platz auf der Fähre wegnimmt. Wir kamen mit. Und hatten im Nachhinein wirklich Glück. Nach unserer Fahrt wurde der Betrieb für 8 Stunden eingestellt wegen des wieder zunehmenden Sturms.

Aufgrund des niedrigen Wasserstandes, gab es gar keine richtige Auffahrtrampe, sondern nur so eine komische Hilfskonstruktion. Dadurch musste man erst einmal ordentlich einen Hang runter, um auf das Schiff zu kommen. Ging.

Und dann waren wir da. Auf Feuerland. Wie das klingt. Tierra del Fuego. Übrigens nicht etwa, weil hier irgendwelche Vulkane oder so etwas Feuer spieen, sondern weil Magellan bei der Entdeckung sehr viele Feuerstellen der damaligen Ureinwohner gesehen hatte.

Durch die windige Überfahrt war die Liesel nun so etwas wie ein Lammbraten in Salzkruste. Martin übernahm also als erstes mal die vollautomatische Waschanlage für die Scheiben.

Dann ging es los auf einer ganz wunderbar geteerten Straße. Die können was die Chilenen. Denkste Puppe. Aus dem Nichts. Einfach so endete der Aspalt. Was danach kam war der blanke Horror!!!! Bei uns wäre das noch nicht einmal als provisorische Baustellenzufahrt erlaubt. Hier aber auf 128 km!!!

Ein Alptraum.  Jeder kann selber errechnen wie lange wir bei durchschnittlich 20 km/h benötigt haben. Und die letzten 13 km nach dem  „ Auschecken“ aus Chile, aber noch auf deren Hoheitsgebiet waren einfach nur unbeschreiblich schrecklich. Vom Staub auf den Pisten, die sich so geschmeidig durch alle Fenster schlängeln, ganz zu schweigen.

Nach einer Nacht auf der Tankstelle in Rio Grande ging es dann weiter. Allerdings fast ohne meine Tür. Ich machte ahnungslos meine Tür auf und flog dann mit einem Riesenkrachen an den Türgriff geklammert nach draußen. Peng. Scharnier der Tür ausgerissen!!! Wahsinnskraft dieser Wind. Die Reparatur des Scharniers war zum Glück eine kurze Sache. Aber wie wir später hörten ist einem Paar die Kabinentür um die Ohren geflogen, wirklich abgerissen und 10 m entfernt erst wieder geborgen worden und einem anderen Paar ist die Dachhaube abhanden gekommen.

Wir fuhren nach Tolhuin, auf einen kuriosen Campingplatz am Lago Fagagno. Herrlich gelegen, wenn man denn was gesehen hätte. Losgefahren waren wir in Rio Grande bei 10 Grad, Sonnenschein und Windstärke 6-7. Angekommen sind wir in Tolhuin bei Windstärke 8, einem Grad und Schnee. Na, das kann ja heiter werden in Ushuaia. Haben uns doch alle gewarnt wir seinen zu früh im Jahr in den Süden aufgebrochen.

Aber der Campingplatz war wirklich lustig. Der supernette Eigentümer ist ein Fan des Recycling. In hohem Maße. Nicht nur so ein bisschen. Das gilt auch für die Sanitärabteilung mit uralter Badewanne als Dusche und mit einem holzbefeuerten Badeofen. Seht selbst:

In einem Schuppenartigen Aufenthaltsraum haben sich alle Gäste verewigt. Vornehmlich auf Holzbrettern. Wir also auch.

Dann ging es weiter nach Ushuaia. Unserem Ziel. Durch tolle Landschaft, aber mit bedrohlichen Wolken und Regen. Es sollte aber nach Wettervorhersage deutlich besser werden und wurde es auch! Wir hatten ein solches Glück. Völlig ungewöhnlich für diese Jahreszeit ( hier ist Frühling) hatten wir Sonne pur, 15-18 Grad und fast Windstille. Ein Wetter, was es selbst im Sommer ab Ende Januar/Februar nicht besser gibt. Dieses Wetter hielt genau die 4 Tage unseres Aufenthaltes. Ushuaia ist eine Stadt, die natürlich sehr auf Touristen ausgelegt ist, aber mit einer tollen Einkaufsstraße. Von hier starten Bootsfahrten auf dem Beaglekanal und die Fahrten für Touristen in die Antarktis, die hier zu wesentlich günstigeren Konditionen gekauft werden können, als von Europa aus. Hier kosten 10 Tage „nur“ ca. 5.000 Euronen pro Person.

Wir entdeckten erst einmal die Stadt und versuchten vom Cerro Martial  Fotos von oben zu schießen, leider war aber der Sessellift gesperrt, so dass wir nicht ganz herauf kamen. Ganz typisch sind die bunten Häuser, die aber auch allmählich der Bauwut zum Opfer fallen.

 

Und dann folgte für 3 Tage für uns die Fahrt ins Paradies. Wir fuhren in den Nationalpark Tierra del Fuego. Er kostet 170 Pesos ( ca. 12 Euro) Eintritt pro Person und man darf dort dann 2 Nächte campen. Es gibt dort an der Laguna Verde einen wunderschönen Naturplatz, der außer einem Art Dixiklo keinerlei Infrastruktur bereithält. Er liegt direkt an einem Fluss. In einer tollen Kulisse. Nach der ersten Nacht dann allerdings ein Schockmoment und der erste Einsatz unseres Sattelitentelefons. Die nagelneue Gasheizung sprang nicht mehr an. Zum Glück war ein Heizungsfachmann unser Nebenmann. Auch er wusste keinen Rat, konnte mir aber genau erklären, was die Heizung macht, also Anlief, dann zündete, Flamme warf und dann „aus“. Kein Internet. Kein Telefon. Also Einsatz des Überlebenstelefons. Anruf in Brietlingen bei der Wohnmobilfirma Kiehn, die uns die Heizung eingebaut hatte. Eine Verbindung, als hätte ich von Lüneburg aus telefoniert. Wunder der Technik. Herr Marten kam superschnell auf die Lösung des Problems. Da ich ihm ja nun die genaue Abfolge bis zum Ausschalten schildern konnte war seine Diagnose: „hört sich nicht kaputt an, die bekommt offensichtlich nicht genug Gas. Da muss Luft in der Gasflasche sein. Ist sie aus Deutschland oder dort in Südamerika befüllt?“. Tja, und das wars dann wirklich. Nach Austausch der Flasche lief sie wieder reibungslos. Ein Hoch auf Mutti ihr Sattelitentelefon!

Der Nationalpark war 1000 mal  schöner, als von uns vorgestellt. Das Wetter spielt dabei sicherlich auch eine Rolle. Aber es ist sehr schwer, den Gesamteindruck dieses Parks in Fotos wiederzugeben. Umringt von hohen Bergen, gibt es Lagunen, verwunschene Wälder, riesige Biberbauten (schon fast Anlagen), super Wanderwege ( allerdings manchmal schwer zu orten und nicht ganz einfach zu begehen) und viele Tiere, wie z.B. auch wild lebende Pferde, die bis zu uns vors Fenster kamen. Die Ruhe und das Vogelgezwitscher müsst Ihr Euch zu den Bildern einfach vorstellen. 

Wir haben es also geschafft. Auf den Tag genau nach 3 Monaten und 11.000 Kilometern sind wir am Ende der Ruta 3, die sich über 3.079 km von Buenos Aires aus durch das Land nach Süden zieht, angekommen. Am Ende der Welt. Unser erstes richtiges Etappenziel ist geschafft. Ab jetzt geht es nur noch nach Norden. Der Beginn der Panamericana. Darauf stoßen wir an.

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Kommentare: 3
  • #1

    Wolfgang (Montag, 09 November 2015 03:11)

    Prost und immer ausreichend Luft auf den Reifen. Euer Reisebericht ist einfach nur toll. Für mich ist es sehr schön aus der Ferne dabei zu sein.
    Das ist der Stoff aus dem die (meine) Träume sind. Bitte weiter so.
    Lieben Gruß aus Rahlstedt
    Wolfgang

  • #2

    Edel (Samstag, 14 November 2015 17:38)

    Herzlichen Glückwunsch zum ersten Etappenziel. Der Park ist wirklich phantastisch und Eure Fotos fangen das toll ein.
    Weiterhin gute Fahrt Eure Edel

  • #3

    Karen (Dienstag, 17 November 2015 08:57)

    Wow, ist das wunderschön!!! Und was für superschöne Fotos Ihr macht! Da wird es nicht ausreichen, einen Kalender daraus zu machen, es sei denn, zumindest auf Tagesbasis...;-)
    Glückwunsch zum Erreichen des ersten Etappenzieles. Und was habt Ihr schon alles erlebt und gemeistert!!! Weiter so (allerdings wünsche ich Euch zukünftig weniger Liesel-Baustellen...)!
    LG Karen