Auch Grenzen wollen übertreten werden

Und das auch im wahrsten Sinne des Wortes…

Bisher hatten wir ja formal ein leichtes Spiel. Liesel wurde per Schiff in Uruguay eingeführt und von uns abgeholt. Das war einfach. Nun folgte nach einem wunderschönen Sonnenaufgang erst Regen und dann die erste Grenzerfahrung. Wir hatten uns mittlerweile auch noch in den Termas de Alrepey durch die heißen Wasser treiben lassen. Nun hieß es die erste Grenze in Bella Union, Uruguay nach Brasilien mit Liesel in Angriff nehmen. Wer jetzt denkt, was ist denn an einem Grenzübergang schwierig?, war noch nie mit einem Fahrzeug in Südamerika unterwegs. Hier muss man in jedem Land das Fahrzeug einführen und dann wieder ausführen. Und nicht mal „etwa so“. Nein, der Südamerikaner kennt hier keinen Spaß. Es gibt die

-          Tarjeta de Entrada für uns ( ein Passstempel reicht hier nicht) und die

-          Declaracion Jurada Admision Temporaria Vehiculos de Turistas für die Liesel

also eine Bescheinigung, dass wir für 90 Tage einreisen dürfen und eine temporäre Einfuhrgenehmigung für Liesel.  Und wehe, man vergisst die Dinger bei Ausreise wieder abzugeben.

Soweit also unser theoretisches Wissen bei Anfahrt der ersten Grenze zwischen Uruguay und Brasilien in Bella Union. Theoretisch!

Schon 20 km vor der Grenze lag ich Martin jammert in den Ohren, dass wir vergessen hätten uns in Montevideo eine Touristenkarte ausstellen zu lassen. Das sei ja nun ganz großartig, dass wir für ihn son Ding wegen des Hafenprozederes in der Migrationsbehörde erwirkt hätten, für mich aber nicht. Martins Kommentar „ die werden Dich schon nicht da behalten“.  Wie bitte sollte ich das verstehen??

Also Anfahrt an den Container der Grenzbeamten in Uruguay.  Strömender Regen ( wirklich strömend), Klemmbrett mit den Unterlagen unter die Regenjacke gepresst, festen Schrittes hinein in die Amtsstube. Oh, Ausländer. Mit Fahrzeug. Ein Ruck geht durch die Beamten und dann wird auf beiden Seiten versucht das Beste zu geben.

Hier kein Problem. Die Einfuhrpapiere werden uns abgenommen und der Ausreisestempel in den Pass gestempelt. Auf meine Frage wird versichert, dass wir ( wie im Film lag die Grenze im Fluss) hinter der Brücke in Brasilien die Einreisepapiere für uns und die Liesel erhalten würden.

Mensch, das ging ja einfach. Was sind wir toll.

Bis wir am Ende der Brücke ankamen.

Einige merkwürdige Begrenzungen auf der Fahrbahn, aber einige Autos fuhren einfach ohne anzuhalten hindurch. Wir als rechtstreue Deutsche in Jagd auf Einreisepapiere natürlich nicht. Ah, sieh mal, rechts das sieht aus wie eine Zollstation. Ausgestiegen und hin.

Hä, das ist ja völlig leergeräumt. Da steht so`n komischer Bus mit offiziellen Aufklebern. Vielleicht wird das Büro renoviert? Heraus kommt ein fröhlich plappernder Brasilianer in Uniform. Es gibt nur ein Problem. Wir verstehen den nicht richtig. Er offensichtlich uns auch nicht. Spanisch scheint ihm erstaunlicherweise völlig fremd zu sein.

Er versucht uns zu erklären, dass wir weiter fahren sollen.

Was????? Ohne Einreiseformalitäten? Illegal in Brasilien? Ist der irre? Hallo, ich will meine Einfuhrgenehmigung für die Liesel und uns. Das ist ja wohl nicht zu viel verlangt. Offensichtlich sehe ich zumindest grimmig aus, auch wenn er mich nicht versteht ( ist ja manchmal auch besser so). Er erläutert uns dann mit Gesten und kläglichen Versuchen in spanisch folgendes:

Mein Chef ist Essen und kommt erst gegen 14 Uhr zurück!  Er selber wisse gar nichts.

Was?

Da mampft ein Zollbeamter fröhlich vor sich hin und macht quasi die Grenze dicht? Ok. Wir waren erst einmal so schockiert, dass wir tatsächlich 30 Minuten wie doof verharrten. Dann regte sich Mutti ihr Widerspruchsgeist. Nee, also Martin, das kann doch wohl nicht sein. Wollen die mich verar….?

Was machen wir denn jetzt. Aus Uruguay sind wir ausgereist, über die Brücke nach Brasilien gefahren und nu? Illegale?

Wir sind Deutsch und handeln. Wir fahren einfach wieder über die Brücke zurück nach Uruguay und fallen den dortigen Beamten stammelnd zur Last. Soweit reicht mein Spanisch, dass ich den dortigen Beamten erzählen konnte, dass dort ein Irrer steht, dessen Chef Päuschen macht und uns nichts geben will.

Die Uruguayer fanden das wohl auch verwunderlich und erklärten uns wir sollten achtzehn Kilometer ( so hatten wir sie verstanden) weiter fahren hinter der Brücke, da sei die Einreise nach Brasilien möglich.

Ok. Wir fuhren wieder zurück über die Brücke, um die Hüttchen rum und 18 Km weiter. Nichts. Nada. Gar nichts. Lediglich eine schnurgerade Straße ins Nirgendwo.

Martin, wir sind jetzt illegal in Brasilien.

Das kann doch nicht sein. Haben wir was missverstanden? Wieso haben die gesagt „ungefähr“ 18 km. Kann es sein dass die 80 km meinten? Blick in die Karte. 76 km hinter der Grenze lag eine große Stadt mit Grenzübergang nach Argentinien. Uruguaiana.

Kann es wirklich sein, dass die die Zollstation an der Grenze dicht machen, die Leute 80 km weiter fahren  und erst dann einreisen lassen?

Ja, es kann sein. So unglaublich das auch klingt. Wir sind 80 km in Brasilien gefahren und konnten erst dann die Einreise bewerkstelligen. Mittlerweile waren wir von Brasilien so genervt, dass wir uns entschieden an dieser Grenzstation, dann direkt weiter nach Argentinien zu fahren ( wiederum nur durch eine Brücke über den Fluss getrennt). Der brasilianische Zollbeamte hat also innerhalb von 1 Sekunde unsere Ein – und Ausreise in den Pass gestempelt. In der argentinischen Zollstation erhielten wir dann endlich all unsere Dokumente. Hat ja dann insgesamt auch nur 4 Stunden gedauert. Geht doch.

Wir fuhren dann Richtung Norden. Wir wollen zu den Iguazu Wasserfällen. Ständig strömt es vom Himmel. Ich hatte mir das Wetter irgendwie anders in Südamerika vorgestellt. Allerdings ist dies wohl auch eine richtige Naturkatastrophe. So viel Regen gibt es hier wohl sonst wirklich nicht. In der letzten Nacht bei den Termas gab es ein solches Gewitter, dass die Liesel bei einem Donnerschlag richtig bebte. Ich habe ein solches Gewitter mit dermaßen intensiven Wassermassen noch nie erlebt.

Dafür gab es einen tollen Sonnenaufgang

Aus der entsprechenden App ( Ioverlander) fanden wir auf der Strecke einen schönen Übernachtungsplatz. Nur in der Realität war er nicht mehr da. Das ging wohl auch zwei weiteren Wohnmobilfahrern ähnlich. Jedenfalls trafen wir uns alle auf einem gegenüberliegenden LKW Rastplatz bei einer Tankstelle und haben aneinandergekuschelt eine wirklich super ruhige Nacht zwischen Dutzenden von LKW verbracht. Ergo: Zwischen LKW Fahrern steht man geschützt und ruhig.

Sogar gekocht haben wir noch in unserer mittlerweile richtig häuslichen Atmosphäre.


Dann ging es weiter gen Norden. Hier einige Eindrücke der Fahrt, Misiones ( so der Name dieses Teils Argentiniens) ist landschaftlich beeindruckend. Ursprünglich war Argentinien hier komplett mit Dschungel bedeckt. Mittlerweile herrscht hier aber an vielen Stellen Kahlschlag. Gleichwohl schlängelt sich die Nationalstraße ( Autobahnen gibt es nur um Buenos Aires herum) durch unglaubliche Wälder.

Anbei ein paar Fotos. Immer wieder begeistert waren wir angesichts der ausdrucksstarken Beschilderungen. Da macht die Theorieprüfung doch sicherlich kein Problem.

Ich bitte mir die recht schlechte Qualität der Bilder nachzusehen. Aber aus dem Auto heraus ist es nur mit der "Rischrasch" möglich und muss dann immer ganz schnell gehen.

Meine Favoriten sind die Bilder, die immer in der Nähe von Schulen aufgestellt sind. Da gibt es hüpfende, schultascheschwingende Kinder und sowohl Muttern, als auch Vatern!!, der die Kinderlein bringt und holt. Das Bild mit dem abholenden Vater ist mir leider nicht geglückt. Erstaunlicherweise sieht das Kind auf dem Schild mit dem abholenden  Vater irgendwie gebeutelt aus. Gab wohl gerade eine Pleite in der Arbeit?

Glücklich landeten wir dann ganz im Norden von Argentinien in  auf einem Minicamping mit Cabanas unmittelbar vor der Stadt Puerto de Iguazu. 

Ein Familienbetrieb bester Art. Wir hatten sogleich Anschluss an die Familienhunde, insbesondere an "Rasterlocke", der uns auf Schritt und Tritt verfolgte und sicherlich den Neid eines so manchen jungen, verwirrten Menschen aufbranden lässt angesichts der tollen Frisur. "Verwirrt" schreibe ich deshalb, da ich mir gut vorstellen kann, dass die Leute mit diesen Rastergeschichten auf dem Kopf sich eigentlich ebenso "beißen" müssten wie der Hund, um das Ungeziefer los zu werden.

Was für ein Sprung nach 500 km Fahrt. Warm, Sonne und ein unglaubliches Stimmengewirr von fremdartigen Vögeln. Schön hier.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal erinnern, dass ich immer versuche unseren Aufenthalt mit Ortsmarken zu versehen. Die findet Ihr, wenn Ihr, wenn Ihr in der Seitenleiste auf "geplante Tour und wo wir gerade tatsächlich sind" klickt. Ich verlinke die Ortsmarken immer mit den Blogeinträgen.


Da ich die Blogs immer erst mit einigen Tagen Verspätung fertigen kann, sei schon hier verraten, dass wir am Mittwoch die argentinische Seite der Wasserfälle besucht haben. Unglaublich das! Wir werden nun wahrscheinlich morgen die brasilianische Seite heimsuchen und dann wird über dieses Naturwunder ein eigener Bericht eingestellt. Mit wirklich tollen Bildern!

Bis dahin liebe Grüße an alle Leser :)

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Kommentare: 5
  • #1

    Sylvia und Christoph (Donnerstag, 20 August 2015 22:49)

    Tolle Reiseberichte und eindrucksvolle Fotos! Trotz bestimmt irritierender Situationen immer das Fünkchen Hanseatischer Humor. Großartig!
    Wir wünschen weiterhin alles Gute und grüßen herzlich derzeit aus der Bretagne.
    Sylvia und Christoph

  • #2

    Britta (Freitag, 21 August 2015 01:22)

    Hallo, Ihr Beiden, Ihr macht ja ordentlich Strecke oder fahrt Ihr v.a. dem Regen davon? Ich vermisse bislang noch Ausplünderung durch Grenzbeamte und wilde Tiere (also nicht nur Tiere mit wilden Frisuren). Weiter gute Fahrt und liebe Grüße, Britta

  • #3

    Eric (Freitag, 21 August 2015 10:18)

    Moin aus HH, passt bloss auf mit den Zollfuzzis. Nur soviel dazu, mir hat mal einer bei der Einreise in Jeddah einen Ausreisestempel in den Pass geballert. 3 Tage später wollte ich von Dammam nach Dubai weiter. Dort wurde ich dann kurz am Airport inhaftiert, da ich mich ja illegal in Saudi Arabien aufhielt, denn ich wäre ja vor 3 Tagen ausgereist!!!! Allzeit Gute Fahrt, Eric

  • #4

    Dagny und Frank HH (Freitag, 21 August 2015 13:28)

    Grüße an das WUNDERBARE Iguazu !!!!! Wir waren im Januar dort und haben die brasilianische und die argentinische Seite genossen!
    Welche ist schöner ??
    Wir finden die brasilianische Seite beeindruckender!
    Weiterhin spannende Fahrt und liebe Grüße aus Dresden!
    Dagny und Frank

  • #5

    Edel (Sonntag, 23 August 2015 10:53)

    Ihr habt ja wirklich Abenteuer pur, die leere Grenzstation und ein Mann in einem Bus ist schon gruselig. Dafür sind der Sonnenuntergang und der Campingplatz mit "Raster" so richtig romantisch. Vielen Dank für die genauen Bezeichnungen - Wolfgang ist glücklich. LG Edel